„Ohne Angst“: Ein Sammelband stellt Migration als Chance dar

Steiermark | Tiz Schaffer | aus FALTER 38/08 vom 17.09.2008

In der humanistischen Psychologie versteht man unter „Spiegelung“, sich bewusst in die Perspektive des anderen zu versetzen. Das schafft Erkenntniswerte, die sich der Sammelband „Ohne Angst verschieden sein“ (© Theodor W. Adorno) zum Thema Migration aneignet. Der von Robert Reithofer, Leiter des Vereins ISOP, herausgegebene Band geht der Frage nach, wie „Migration als Chance“ wahrgenommen werden könnte. Als Ausgangsbasis dient die „gesellschaftspolitische Kulturarbeit“ (Ausstellungen, Vorträge, Beratung von Migranten), die während der regionale08 geleistet wurde. Künstlerisches Kernstück des Bandes stellt der Fotoessay von Meta Krese dar, die gemeinsam mit der Literatin Maruša Krese durchs türkische Hinterland reiste, um Familienmitglieder von in Feldbach lebenden Migranten zu besuchen. Die daraus entstandenen eindrucksvollen, teilweise befremdlichen Bilder der türkischen Landbevölkerung gewinnen durch die knappen, poetisch-assoziativen Bildtitel eine eigentümliche Vertrautheit. Für theoretischen Input sorgen der Autor Mark Terkessidis und der Kölner Schriftsteller und Orientalist Navid Kermani. Der Literat Ilija Trojanow („Der Weltensammler“) wendet sich in einem Interview mit Falter-Redakteur Thomas Wolkinger gegen die kommerzielle Reiseindustrie, die tunesische Journalistin Sihem Bensedrine geht der manipulierenden, touristischen Bildproduktion auf den Grund, und Weisheit kann man anhand von Bernadette M. Schiefers Nachdichtungen von Versen des Sufi-Mystikers Rumi geradezu löffeln. Kein naives Plädoyer für die Multi-Kulti-Gesellschaft, dafür ein lesenswerter und kritischer Reader im Zeichen interkultureller Sensibilisierung.

Maruša Krese, Robert Reithofer, Meta Krese: „Ohne Angst verschieden sein“. Leykam, 240 S., € 9,-.


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