Musiktheater

„Ariodante“ an der Wien: Augen auf Standby

Kritik

Lexikon | Andreas Dallinger | aus FALTER 39/08 vom 24.09.2008

Was sehen wir, wenn es nichts zu sehen gibt? Diese Frage wirft das Theater an der Wien wohl eher unfreiwillig mit der Neuproduktion von Georg Friedrich Händels „Ariodante“ auf. Nicht nur, weil Regisseur Lukas Hemleb für die handlungsarme, aber musikalisch reiche Oper fast keinen Raum baut, sondern auch die Regie bis zur flüchtigen Andeutung zurücknimmt. Da und dort ein Arrangement, eine handvoll Aktionen entlang der Wahrnehmungsgrenze – ein Hauch von Inszenierung, wenn überhaupt. Also dürfen die Augen auf Standby schalten und den Ohren die Eindrücke des Abends überlassen. Dirigent Christophe Rousset und das Orchester Les Talens Lyriques erfüllen die leidvollen Seiten der Musik mit tiefem Mitgefühl und unsentimentaler Schmerzensdimension. In den festlichen und jubelnden Passagen bleiben sie etwas erdschwer. Auffallend leuchtend der Sopran von Maria Grazia Schiavo, der in seiner Mozart- oder Rossinicharakteristik aber wie ein Gast aus einer anderen Epoche wirkt. Caitlin Hulcup singt einen stimmlich tadellosen, leider blutleeren Ariodante. Dem Bösewicht des Abends gibt Viveca Genaux lediglich durch Vokalverfärbungen das Intrigantenprofil. Ihre Mezzo ist zwar geläufig, aber ohne jede Expansion und daher um entscheidende Grade zu schwach. Inmitten dieser ungeordneten Umgebung verdichtet Danielle de Niese den Abend unerwartet zu einer überragenden Szene. Sie vermag Leid und Todessehnsucht des Intrigenopfers in allen Facetten zu singen. Ihr gelingt die perfekte Mischung von vibratolosen Klängen des Schmerzes mit zart schwingenden der Furcht. Für diese fünfzehn Minuten gestaltenden Singens lohnt es, fast vier Stunden lang nichts zu sehen.

Theater an der Wien, Fr 19.00, letzte Vorstellung


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