Stadtrand

Kaffee Urania, Insel der Unseligen

Urbanismuskolumne

Stadtleben | Joseph Gepp | aus FALTER 39/08 vom 24.09.2008

Kennen Sie das Café Urania? Nein, nicht den Glaskobel mit den verchromten Barhockern im gleichnamigen Kulturgebäude. Das Café Urania heißt auch eigentlich nicht "Café", sondern "Kaffee Urania". Es liegt in der Radetzkystraße im dritten Bezirk. Das Kaffee Urania hat keine Öffnungszeiten. Der Kellner, Besitzer und einzige Angestellte kommt irgendwann in den Abendstunden und sperrt auf. Und irgendwann in den Nachtstunden schiebt er die Vorhänge zu, komplimentiert die Gäste hinaus und sperrt wieder zu. Dazwischen setzt er sich an die Tische und erzählt, dass sein Sohn längst pensioniert sei, während er noch arbeite. Im Urania ist kein Ding jünger als 30 Jahre. Gäste breiten ihre Krisen aus. Die Espressomaschine stammt aus der Zeit, als der Espresso nach Wien kam. All die Gestalten, die am Abend ins Urania wanken, müssen viele Nächte des Herumstreunens hinter sich haben. Sonst wären sie jetzt nicht im Urania. Hier sitzen sie dann wie in einer Zeitmaschine, genießen ihr stundenweises Inseldasein und atmen den längst miefigen Geruch der Nachkriegszeit.

Joseph Gepp sucht die faszinierendsten Orte dieser Stadt


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