Phettbergs Predigtdienst

Wenn Eltern weinen und niemand gegenbegehrt

Kolumnen | aus FALTER 39/08 vom 24.09.2008

Die Einsamkeit bringt meine Träume dazu, um die Wette zu träumen. Oder sollte ich besser sagen: zu kämpfen? Es gibt einen Verwandten, den ich seit Ewigkeiten nicht mehr sah. Ich saß in einem großen Saal, natürlich in meiner Umgebung, fast menschenleer! Und da saß nur noch einer, eben das Objekt meines Traumes. Wir begannen, miteinander zu reden, und es stellte sich heraus, dass er mir nur einmal begegnet war, als sein Großvater am Friedhof des 17. Bezirks beigesetzt wurde. Da war er in der Phase, wo die Kleinkinder den ersten Zorn gegen die Welt hinaustoben. Er war also so zirka vier! Ganz böse war er. Das war die einzige Begegnung. Er war auch nicht am Begräbnis, ich war aber nachher zu seinen Eltern und seiner Oma eingeladen. Das sind die letzten Krumen der Erinnerung.

Dann schaltete das Hirn-Fernseh-Programm um, und ich begann zu träumen von Armin Thurnher und seinem Redaktionsteam. Auch da kann ich mich erstmals erinnern, von dieser Szenerie und überhaupt dem Falter geträumt zu haben. Was ist nur los mit meiner Aufgewecktheit beim Träumen? Ich bin direkt erfrischt. Und krieg Heimat - wenigstens im Traum - geliefert. Jetzt weiß ich bestimmt, am freudigsten träume ich nach dem Frühstück. "Traum los!" Heute: Ich war zu Besuch bei meinen Eltern, die waren allein daheim, ich selbst war nur zu Besuch, hatte kein Bett mehr daheim. Und ich brachte beide Eltern zu Bett. Beiden ging es nicht gut. Beide schluchzten, eine Art Schüttelfrost-Weinen. Das heißt, ihre Haut zitterte bzw. ihre Bäuche hyperventilierten.

Ich hab überhaupt meinen Vata nie weinen gesehen. Und eigentlich erst einmal im Traum zu Besuch gehabt. Also deutlichste Anzeichen, dass sie nicht glücklich waren. Und ich hab ihnen so wenig Freude gemacht. Sie hatten aneinander keine wahre Freude und an mir erst recht keine. Ich habe keine Sekunde wen gefunden, der mich gegenbegehrt. Die kynesiologische Gesellschaft konnte sich das Wort "gegenbegehren" gar nicht recht vorstellen und brauchte zur Verdeutlichung unbedingt das Wort "begeistert" davor. Also ihnen zum Trost schreib ich jetzt immer "begeistert gegenbegehrt". Also: Keine Sekunde hat mich einer, den ich begehrte, begeistert gegenbegehrt.

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