Phettbergs Predigtdienst

Es ist ein Jammer, aber ich bin ein Wurlitzer

Kolumnen | aus FALTER 40/08 vom 01.10.2008

Hermes Phettberg führt seit 1992 durch das Kirchenjahr

Das Provisorium und das Nun, liebe Duhsubys, ist immer ident, obwohl wir es so gerne anders sähen. Ein Weg, der wo hinführt, und dann eine feierliche Schlusserklärung. Doch nein, unscheinbar öffnet sich eine sensationell winzige Spalte, und es geht Jahrhunderte und mühsam weiter. Das sind die Gedanken beim Meditieren, dass ich immer an diesem selben Platz sitze. Wenn wer zu mir kommt und mich dann fotografiert, sitz ich immer hinter der aufgespreizten weißen Tür, bemalt noch von Frau Peterka, der mir persönlich Unbekannten. Dazwischen wohnte sieben Jahre ein das Kinderzimmer, in dem ich schlafe, mit Indianertapeten ausgestaltet Habender und dann mit dem Auto Umgekommener. Dann kam ich, und nach mir wird die Wohnung – schreckliche Vorstellung! – sündteuer von der Hausverwaltung renoviert werden. Und nichts bleibt „von mir“ ...

Da waren zwei so vergnügte Babys mit ihren Wägen an Bord meines 57A. Die beiden Babys waren einander unbekannt, aber sie waren so zufrieden und liebten einander auf der Stelle vergnügt. Und als eines von ihnen früher ausstieg, war auch keine Traurigkeit darüber bei ihnen. Und da merkte ich, es gibt keine weinenden Babys mehr. Also auf allen Ebenen wird emsig gearbeitet. Es wird studiert & weiterentwickelt & fortgeschritten. Und auch ich hab einige kleine Fernseh- und Internetaufritte und auch in Wirklichkeit Auftritte gehabt. Alles ist fast schon vergessen und fort. Ich lebe noch ein Weilchen. Doch dann befriedigt sich alles wieder. Wie Steine, die ins Wasser geworfen werden, bald keine Wellen mehr machen. Früher hatte ich Publikum, das sich freute, und ich begann zu moderieren, ohne einen Riesenplan und einfach so vor mich hin plaudernd, wie ich jetzt vor mich hin tippe. Aber ich „darf“ noch tippen. Meine Heimat nun.

Als ich erwuch, hatte ich aber einen anderen Hirnfetzen im Laufwerk des Hirns: Da dachte ich noch, „das Raffinierte am tiefsten Sommer ist die finsterste Anarchie“. Aber der Gedankenstrang ist mir schon wieder wurst. Das ist ein gutes Beispiel meiner Unstabilisiertheit. Ich bin das, was du antippst. Ich bin ein Desktop, wo du anklicken kannst, was du gerne erleben willst. Ich bin ein Wurlitzer. Es ist ein Jammer, aber ich bin ein Wurlitzer. F

Die ungekürzte Version des „Predigtdienstes“ ist über www.falter.at zu abonnieren. Unter www.phettberg.at ist wöchentlich neu zu lesen, wie Phettberg strömt.


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