Glosse

Netrebko im Kino: Oper war stets ein Spektakel mit Musik

Klassik

Falter & Meinung | Carsten Fastner | aus FALTER 41/08 vom 08.10.2008

Man nennt mich Mimi, aber eigentlich heiß ich Lucia." So stellt sich die tragische Heldin in Giacomo Puccinis "La Bohème" vor.

Gleichviel, in Zukunft wird sie ohnehin nur noch als Anna bekannt sein. Anna wie Anna Netrebko. Robert Dornhelm hat den Schmachtfetzen mit der Supersopranistin und deren Lieblingsbilderbuchtraumpartner Rolando Villazón verfilmt; diese Woche kommt La Anna ins Kino.

Es ist der logische nächste Schritt einer keineswegs beispiellosen (Caruso, Karajan, Callas!), aber berauschenden Medienkarriere - die freilich stets vom Hautgout allzu forcierten Marketings begleitet wird: von der "Entdeckung" in Salzburg 2002 über die Auftritte im Samstagabendfernsehen bis zu den Räkelvideos im Negligé und den "Exklusivinterviews" in News.

Nun hat Dornhelm auch noch zugegeben, dass es ihm mit seiner "Bohème" weniger um Puccinis Stück ging als vielmehr darum, Netrebko und Villazón "ein Denkmal zu setzen".

Man mag über derlei Auswüchse der Popklassik unken, und gerade bei Netrebko steht durchaus zu befürchten, dass aus dem Opern- bald ein Seifenopernstar wird.

Andererseits: Wann war die Oper je etwas anderes als großes Spektakel mit Musik? Vor 150 Jahren noch trieb man zum Gaudium echte Pferde auf die Bühne, heute gibt es selbst in Bayreuth Wagner im Public Viewing. Die Met überträgt weltweit live ins Cineplex. Und dem Schweizer Fernsehen gelang unlängst ein neuer Coup: mit einer "Traviata", live aus dem Zürcher Hauptbahnhof.

Verglichen damit wirkt Dornhelms werktreuer Naturalismus samt Großaufnahme von Netrebkos plombenfreiem Gebiss geradezu bieder.


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige