Am Apparat

Warum stehen Menschen vorm Bundesschatzamt Schlange?

Telefonkolumne

Politik | aus FALTER 41/08 vom 08.10.2008

Wien, erster Bezirk, Seilerstätte 21: ein unscheinbarer Hauseingang, davor dutzende Menschen mit besorgtem Blick. Was passiert hier? An dieser Adresse befindet sich das Bundesschatzamt. Vor kurzem nur Experten bekannt, ist die Institution mit altmodischem Namen in Zeiten der Wirtschaftskrise inzwischen sehr gefragt. Wer hierherkommt, kann sein Erspartes auf einem Wertpapierkonto der Republik Österreich anlegen. Ab 100 Euro, mit Zinsen zwischen vier und 5,4 Prozent, keine Kontoführungsgebühr, dafür mit Staatsgarantie in unbegrenzter Höhe. Die Republik haftet mit ihrer Bonität und ihrem AAA-Rating. Da kann keine Bank mithalten.

Guten Tag, Frau Oberndorfer! Sie leiten das Bundesschatzamt. Es hat fünf Anrufe gebraucht, bis ich zu Ihnen durchkam. Dauernd ist besetzt. Laufen Ihnen die Kunden so die Türe ein?

Es ist einiges los hier. Warten Sie einen Augenblick. Können Sie mich später anrufen oder ein Mail schicken? Ich wickle auf der anderen Leitung gerade eine Transaktion ab.

Natürlich. (Drei Stunden später ein Anruf im Sekretariat:) Guten Tag, ich hätte gerne mit Frau Oberndorfer gesprochen.

Puh. Die ist momentan nicht verfügbar. Kann ich Sie auch mit ihrer Mitarbeiterin, Frau Alexander Werber, verbinden?

Gerne. (Fünf Minuten Berieselung durch Walzermusik später)

Frau Tóth? Auch Frau Werber ist leider verhindert. Darf ich Sie an unsere Werbeagentur verweisen?

Ich würde lieber mit einem von Ihren drei Finanzberatern sprechen, die mit Kunden Kontakt haben.

Tut mir leid, die sind alle beschäftigt. Es warten etwa 50 Leute. Ich kann ihnen leider nicht weiterhelfen.

Die Werbeagentur, Menedetter PR, braucht nicht viel zu tun: Die Kunden strömen über Mundpropaganda zum Bundesschatzamt. 45.000 sind es bis jetzt, 90 Prozent davon Privatkunden. Täglich werden es mehr.

Interviewversuch: B. Tóth


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