Enthusiasmuskolumne

Ausgehzeit für Mister Kite

Feuilleton | Klaus Nüchtern | aus FALTER 41/08 vom 08.10.2008

Diesmal: das beste Fluggerät der Welt der Woche

Strahlender Sonnenschein oder nicht - das ist gar nicht so wichtig. Denn ob der Himmel nun auf hochherbstliche Blausau macht und kein Zirrusflankerl ihn trübt oder ob der Stratocumulus einen Beton anrührt und keinen einzigen Sonnenstrahl durchlässt - eines gibt es zurzeit fast immer: Wind. Zumindest eine leichte Brise. Und die reicht heutzutage schon: Den Fortschritt, es gibt ihn also doch!

Erinnern wir uns an Kindergarten- und Volksschulzeit: Mit Stäben und Kleister, Bindfaden und Papier war man zugange gewesen, und dann flog das Ding keinen halben Meter hoch - oder der erste Windstoß zerlegte es in alle Bestandteile. Die Alternative: nicht viel flugfittere Geräte aus dünnem Nylon und Steckverbindungen, die schon scharfes Hinschauen nicht so gut vertrugen. Je nach Größe und Aufdruck hießen sie Falke, Bussard oder Adler - und machten ihren Namen nicht viel Ehre. Wie oft war man von der möglichst baum- und hochspannungsleitungsfreien Wiese zurückgekehrt und hatte ihn kein einziges Mal hochgekriegt.

Heute hingegen ist das Hochkriegen kein Problem. In den Laboren und Windkanälen wurde ganze Arbeit geleistet: Ob Delta- oder Kastendrachen, Bogendiamant oder Schmetterlingsform - die Dinger gehen schon bei Zephyros' sanftem Hauch ab, als bliese Aiolos aus vollen Backen.

Die Modernisierung dieses formidablen Fluggeräts hat aber auch eine Schattenseite, und deren Name lautet "Lenkdrache". Im Gegensatz zum klassischen Einleiner, den man - oh, schiere Poesie des Passivismus! - steigen lässt, will er gelenkt werden und macht ein Geknatter, das allen zarten Kreaturen ein Gräuel ist: Er ist der HC Strache unter den Drachen.

Das Wiener Herbstdrachensteigen, das am 10./11. Oktober bei der Floridsdorfer Brücke stattfindet, werde ich also eher meiden. Und dafür auf der Kugelwiese oder am Laaer Berg, beim Agnesbründl oder beim Rohrhaus meinen Drachen steigen und Gott einen guten Mann sein lassen.


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