Doris Knecht

Andere wären mit dem Schaufelbagger rein

Selbstversuch

Kolumnen | aus FALTER 41/08 vom 08.10.2008

Dafür finde ich es im Gegensatz zu praktisch allen anderen Eltern fantastisch, dass die Schule schon um acht anfängt. Es bedeutet, dass der Lange, der in der Früh dafür zuständig ist, Kaffee und Kakao ans Bett zu liefern, sich zu duschen, sich anzuziehen und dreimal wöchentlich die Kinder zur Schule zu bringen (ich mach den winzigen Rest), jetzt nicht mehr bis um neun in Unterhosen durch die Wohnung hoppelt: da in einem Buch blättert, hier eine Zeitschrift aufschlägt und dort einen Song herunterlädt. Die Kinder warteten derweil angezogen und schwitzend an der Wohnungstür und kriegten schlechte Laune. Jetzt sind sie um halb acht aus dem Haus; und Mutter widmet sich in aller Ruhe der Ruhe.

Wie ich letztes Mal bis drei Uhr früh im rhiz aufgelegt habe, und die Young Gods waren da, durfte ich ausschlafen. Die Kinder gingen ohne Frühstück, ohne Regenjacke und ohne Frisur in die Schule, und ich erbaute mich später sehr an des Langen Gestöhn, wie wahnsinnig anstrengend das denn alles sei, was da in der Früh zu erledigen anstünde. Ach wirklich. Dieses Erledigen bringt mich nämlich täglich an den Rand meiner Möglichkeiten, und wenn die Kinder um acht im Bett sind, will ich auch ins Bett. Nein, eigentlich will ich schon um halb zwölf wieder ins Bett.

Halb zwölf ist ungefähr die Zeit, zu der Haemmerli an normalen Tagen in Zürich aufsteht, und wenn ich abends bereits mit meinen Augendeckeln kämpfe, ist er gerade schön warmgelaufen und würde jetzt gerne telefonieren.

Haemmerli und ich leben in verschiedenen Zeitzonen, dabei müssen gerade jetzt akut Sachen besprochen werden. Essen verabredet. Adressen ausgetauscht. Denn Haemmerlis Dokumentarfilm über seine Messie-Mutter hat heute, Mittwoch, im Top-Kino in Haemmerlis Beisein Premiere. Der Film heißt "Sieben Mulden und eine Leiche", die Schweizer kennen ihn schon, die Deutschen kennen ihn auch schon, denn Haemmerli war bei Kerner, eine offenbar semilässige Erfahrung, weil Kerner wollte wohl immer nur über die grausigste Stelle in dem Film reden.

Dabei ist der Film, in dem Haemmerli zeigt, wie er mit seinem Bruder die Wohnung der verstorbenen Messie-Mutter, die darin durch einen Treppensturz zu Tode gekommen war und leider ein paar Tage lang dort auf der Bodenheizung lag, aufräumt, eigentlich überraschend heiter. Und wirklich gut, ich habe ihn schon bei der Zürcher Premiere gesehen. Haemmerli sagte, das Kerner-Publikum habe ihn für herzlos gehalten, aber herzlos ist Haemmerli nicht: Die Akribie, mit der er die Lebensgeschichte seiner Mutter aus dem Material zusammenpuzzelt, das er in dieser unfassbaren Müllhalde fand, in der sie lebte, zeigt eine Zuneigung, die man einer Mutter, die einen mit zehn ins Internat steckte, nicht zwingend entgegenbringen müsste. Andere wären einfach mit dem Schaufelbagger rein, man hätt's verstanden. Haemmerli hat einen Film gemacht, der ist extrem sehenswert. Gut, ein bisschen grausig auch.

"Sieben Mulden und eine Leiche" von Thomas Haemmerli, ab Freitag im Top-Kino.


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