Fragen Sie Frau Andrea

Was die Feige so wahnsinnig geil macht

Kolumnen | aus FALTER 41/08 vom 08.10.2008

Liebe Frau Andrea,

seit einigen Jahren hege ich ein Feigenpflänzchen durch die alpinen Stürme. Heuer verwöhnte es mich mit einem Früchtchen, das sich zu einer veritablen singulären Feige auswuchs. In Erwartung eines lukullischen Hochgenusses prüfte ich jeden Tag den Reifegrad der Frucht. Bis ich vor einigen Tagen mit Erstaunen feststellte, dass sich mein erwarteter kulinarischer Genuss einer höchst erotischen Verwandlung unterzogen hatte, indem sich die Frucht öffnete. Umgangssprachlich werden die weiblichen Geschlechtsorgane gerne als Feige bezeichnet, lässt sich das durch das beschriebene Phänomen erklären? Und können wir aus dem italienischen "fico" (Feige) unser umgangssprachliches "Ficken" ableiten? Erwartungsvoll,

der Maître, per Elektropost

Lieber Maître,

die Feige ist eine hocherotische Pflanze. Der mediterrane Baum mit den hodenförmigen Früchten dürfte jener Baum der Erkenntnis sein, den Bibelübersetzungen fälschlicherweise zu einem Apfelbaum umgedeutet haben.

Michelangelo hat die Vertreibung Evas und Adams aus dem Paradies auf seinem Fresko in der Sixtinischen Kapelle trotzdem richtigerweise mit einem Feigenbaum illustriert.

Die Befruchtung der Feigen ist unglaublich komplex. Sie hat weniger mit Hege und Pflege und der An- oder Abwesenheit von Gebirgswinden zu tun als mit der Bestäubung durch die Gallwespe.

Drei aufeinanderfolgende Generationen von Feigenfrüchten sind pro Baum an dieser ausgeklügelten Zusammenarbeit zwischen Cynipiden und Moraceaen beteiligt. Möglich, dass die haptischen Qualitäten der Feige ihren Ruf als Vulvasynonym begründen, jedenfalls gilt der aromatische Fruchtstand bei allen mediterranen Hochkulturen als höchst erotisch. Der spätantike Kosmograf Isidor von Sevilla leitet ficus, die Feige, vom lateinischen fecundus, fruchtbar, ab.

Eindeutig obszön ist die Handgeste der "Feige", einem unzweideutigen Symbol für Beischlafbereitschaft. Hier wird der Daumen zwischen Zeigefinger und Mittelfinger der geballten Faust geschoben.

Grimms Wörterbuch kennt das Adjektiv "feig" in der Bedeutung lüstern. Ein etymologischer Zusammenhang zwischen Feige und Fick ist also nicht undenkbar.

Andrea Maria Dusl beantwortet knifflige Fragen der Leserschaft


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