Theater

Solo für zwei: Ostermaier-Doppel am Petersplatz

Kritik

Lexikon | Bettina Hagen | aus FALTER 42/08 vom 15.10.2008

Der einsame Broker: "Erreger" Die moderne Sirene: "Radio Noir"

Zwei Figuren aus der Feder des deutschen Autors Albert Ostermaier sind derzeit alternierend im Ensemble Theater zu Gast. Und es sind anspruchsvolle Gäste. Einmal ein Börsenmakler, den Giuseppe Rizzo unter der Regie von Paola Aguilera als nervöses Rennpferd spielt, das sozusagen auf sich selbst gesetzt hatte - was funktionierte, solange es etwas zu gewinnen gab. Aber nichts passt mehr zusammen, nicht mehr die Gardarobe und schon gar nicht mehr die Erfolgsstory zu seinem Leben. Der in eine Art Quarantäne gesperrte "Erreger" arbeitet jedenfalls auch sauber, wenn es um die Beseitigung seiner Familie geht. Im Hintergrund der schwarzen Bühne sind kleine Häufchen mit Versatzstücken aus seinem Leben zu besichtigen. Daneben irrt dieser namenlose Trader nur in einer weiteren Installation umher. Den Attributen seines Erfolgs beraubt, bleibt er leicht steril, ein blasser Alien, der seine Nabelschnur - die Börsenkurse - eingebüßt hat, ein bisschen Selbsthass erkennen lässt und ganz viel Überheblichkeit mit sich herumträgt: Wie konnte seine Frau auch Tulpen kaufen? Die Tulpen sind an allem schuld!

Ein anderes tragisches Kaliber ist die Radiosprecherin aus "Radio Noir". Unter der Regie von Dieter Haspel verkörpert Barbara Kramer diese langhaarige Sirene, ihre Stimme umgibt der Hauch des Todes. In der Antike hätte sie mit ihren Gesängen Seeleute in Scharen auf ihre Insel gelockt, nur um sich danach am Zerschellen der Schiffe an den Klippen zu ergötzen. Als rockige Talkerin treibt Parthenope die Menschen der Nacht vor sich her und über so manchen Abgrund hinaus. Bis fast ganz zum Schluss dieser Tour de Force ist nicht klar, woher der Hass und die ungebremste Zerstörungswut dieser Frau kommen. Doch ihre verführerisch grausamen Sprachgebilde machen auch süchtig.

Ensemble Theater, Fr, Di, Do 19.45 ("Radio Noir") bzw. Sa, Mi 19.45 ("Erreger")


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