Kommentar

Pepis Pech – mit dem taktischen Spiel des ÖVP-Chefs ist Schluss

Regierungsverhandlungen

Falter & Meinung | Julia Ortner | aus FALTER 42/08 vom 15.10.2008

Einmal die Braut, die sich nicht traut, spielen und sich ein bisschen zieren, bis einem der potenzielle Gatte verzweifelt aus der Hand frisst – es hat sich gut angefühlt. Nach der Wahl genoss es der neue ÖVP-Chef Josef Pröll, die dauernden Avancen des SPÖ-Vorsitzenden Werner Faymann von sich zu weisen und so zu tun, als wäre die rot-schwarze Koalition nur eine blöde Idee. Wohl auch, weil Pröll als braver Großkoalitionär galt.

Viele Beobachter gingen sowieso davon aus, dass er sich von Landesfürsten wie seinem Onkel Erwin aus Niederösterreich oder Oberösterreichs Josef Pühringer in ein Bündnis mit den Sozialdemokraten drängen lassen würde. So billig wollte sich Pröll aber nicht einfangen lassen. Er traf sich strategisch geschickt zum Plaudern mit dem BZÖ- und dem FPÖ-Chef – aber nicht zum Mauscheln über eine schwarz-blau-orange Variante, versicherte er treuherzig. Damit machte er nicht nur die SPÖ nervös, sondern zeigte auch den eigenen Leuten: Wir müssen nicht mit den Roten schmusen. Schließlich gibt es in der ÖVP genug Funktionäre, die über eine neue große Koalition unglücklich wären und im Ernstfall die Opposition vorziehen würden.

Der schwarze Spitzenmann hätte sein Spiel noch gerne lang gespielt. Aber Pech für Pepi Pröll: BZÖ-Boss Jörg Haider starb; und der ÖVPler musste erkennen, dass die internationale Finanzkrise tatsächlich auch vor Österreich nicht haltmacht. Zwei Unsicherheitsmomente, die er gerade jetzt gar nicht brauchen kann. Nun heißt es Schluss mit der Hinhaltetaktik. Man will ja nicht als verantwortungslose Truppe dastehen, die das Wohl, sprich die Stabilität des Landes, aufs Spiel setzt. Dabei war es so schön, die scheue Braut zu sein.


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