Stadtrand

Hunger oder: Ein Edding allein macht nicht satt

Urbanismuskolumne

Stadtleben | Christopher Wurmdobler | aus FALTER 42/08 vom 15.10.2008

Womöglich ist Ihnen ja auch schon der Schriftzug aufgefallen, der zahlreiche Wiener Hausmauern ziert: „Hunger“ steht da, mit sehr flüssigem Filzstiftstrich geschrieben – so flüssig, dass die schwarze Farbe fette Tropfen hinterlässt. Na toll! Statt Geld für einen teuren Edding-Schreiber auszugeben und die Gegend mit Graffiti zuzuschmieren, sollte sich der feine Herr Straßenartist vielleicht besser was zum Essen kaufen. Oder fangen wir jetzt alle an, einfach unsere Grundbedürfnisse an Fassaden zu kritzeln? Durst, Schlafen, Liebe …

Ein Edding allein macht nicht satt. Viele Menschen in dieser Stadt sind aber tatsächlich hungrig. Das merkt man daran, dass in den Supermärkten immer öfter aufgerissene Packungen in den Regalen stehen, angebissene Kekse und angebrochene Saftpackungen. Oder war das schon immer so? In den Schnellgaststätten suchen Hungrige ohne Geld verlassene Tische nach Burgerresten und kalten Pommes ab, bevor das Personal die Tabletts wegräumt. Überall steht „Hunger“. Dagegen hilft dann leider kein Schriftzug an Hausmauern.


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige