Hundert Jahre Zeitausgleich

Befindlichkeitskolumne

Steiermark | aus FALTER 42/08 vom 15.10.2008

Dramatiker Johannes Schrettle ist zwar kaum in Graz, dennoch weiß er immer was von dort zu berichten

Bei allen Differenzen

Es ist, bei allen Differenzen, bei allem Wissen um die Tragik dieses Tages, festzustellen, und zwar auch das in aller gebotenen Demut, Respekt und so weiter: Es ist eine Ikone von uns gegangen. Einer, der kompromisslos nicht zuletzt mit sich selbst umging, der das auch von den anderen verlangte, denen er, als seine große Zeit vorbei war, in den letzten Jahren Mentor, hilfreiche Hand und (nicht nur) väterlicher Freund war. Der für seinen langen Atem bekannt war und mit großer Ausdauer Erfolg um Erfolg einfuhr, zahlreiche Verfolger an seinen Fersen hängend, die ihn doch meistens nur von hinten davoneilen sahen. Er war Ende der Achtzigerjahre wie aus dem Nichts aufgetaucht und hatte spektakuläre Erfolge gefeiert, die über anderthalb Jahrzehnte andauern sollten, bis er Anfang des neuen Jahrtausends die Führungsrolle abgab. Die Großmacht, für die er stand und für die er kämpfte, hatte längst abgedankt, doch hatte er nicht gezögert, auch nach dem Zerfall, in Erinnerung an glanzvolle Zeiten seinen Beitrag zu leisten. Spätabends am 10. Oktober war er unterwegs zu einem Treffen, als er von einem Autofahrer, der viel zu schnell und vermutlich alkoholisiert unterwegs war, niedergefahren wurde und noch am Unfallort verstarb. Ein Schock legt sich über das Land, für manch einen ist „die Sonne vom Himmel gefallen“, TV-Bilder fallen aus, der Langlaufsport wird ohne Alexej Prokurorow nicht mehr derselbe sein.


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige