Doris Knecht

Und das Geld wieder aufs Sparbuch

Selbstversuch

Kolumnen | aus FALTER 42/08 vom 15.10.2008

Doris Knecht holt den Wertekatalog ihrer Eltern aus dem Regal

Man erzählt jetzt auch wieder Witze. Nach Haemmerlis Premiere saßen wir im Foyer des Top-Kino: der Filmemacher, die Künstlerin, die Fernsehredakteurin, die Radiomenschen, der Architekt, der Fotolaborchef und die Printjournalisten und erzählten Witze. Die besten erzählten die Künstlerin und der Architekt; ich erzählte nur einen und ließ es dann wieder, denn drei Sachen kann ich nicht: Witze erzählen, mir Geburtstage merken, gute Geschenke machen (so gesehen ein Glück für die Leute, dass ich ihre Geburtstage konsequent vergesse). Ich werde allerdings nicht gerne von neuen Epochen überrascht; ich will Regelmäßigkeit und Wiederkehr und Verlässlichkeit. Aber schlagartig darf man wieder Witze erzählen, wie einst unsere Eltern in den 70er-Jahren, und ich habe den Beginn dieser Epoche verpasst und weiß keinen. Oder nur den einen lauen.

Es hatte sicher mit dem Gewicht von Haemmerlis Aufräumfilm zu tun, dass man danach unbedingt Witze erzählen wollte: Die Verwaltung von Nachlässen geliebter oder wenigstens nahestehender Toter ist das Thema meiner Generation, der um die 40-Jährigen. Die einen müssen sich akut um das Ausräumen der Wohnungen verstorbener Eltern kümmern oder haben das gerade hinter sich gebracht, die anderen flehen das Schicksal an, dass ihre Eltern bittebittebitte noch lange gesund und am Leben bleiben mögen. Nach einem Film wie dem von Haemmerli und nachdem man sich den Schock weggeredet hat, kommt gesunder, ehrlicher, einfacher Spaß jedenfalls überaus recht. Überhaupt scheint mir gesunder, ehrlicher, einfacher Spaß im Trend zu liegen, das fiel mir auch beim „Lagerhouse“-Musical auf: sehr erwachsene Menschen, die tagsüber mit beiden Beinen im Beruf und/oder Familienleben stehen, schwangen diese ein paar Abende lang zu unfassbaren Gesängen nicht hundertprozentig gelenk auf einer Bühne, und alle fanden es großartig. (Danach unterhielten wir uns an der Bar über Eigenheime und den Klavierunterricht der Kinder.) Hängt möglicherweise mit der Finanzkrise zusammen, jedenfalls sind die komplizierte Diskursvergnügung und die subtile, intellektuell anspruchsvolle Sickerheiterkeit momentan nicht so extrem angesagt.

Einfaches, gutes Essen, einfaches, sinnvolles Leben, einfacher, unmittelbarer Spaß und das Geld wieder aufs Sparbuch: Dahin geht die Reise. Selbermachen, Selbereinkochen, Selbernähen; irgendwo da unter den Kunst- und Fotobüchern war doch noch der Wertekatalog, den uns unsere Eltern einst mitgegeben haben, der war doch irgendwo, man müsste da jetzt dringend was nachschauen. Zum Beispiel, wie dieser Schweizer-Witz ging, den meine Mutter immer erzählt hat. Kann doch nicht so schwer sein, einen Witz gut zu erzählen. Wie ging der nochmal … Also, ein Schweizer fährt mit dem Auto, hält ihn die Polizei auf.

www.dorisknecht.com; Doris Knechts neue Kolumnensammlung „Gut, ihr habt gewonnen. Neue Geschichten vom Leben unter Kindern“ ist soeben bei Czernin erschienen


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