Geburt einer Nation, die keine sein wollte

aus FALTER 42/08 vom 15.10.2008

Der Kemalist Yakup Kadri (1889–1974) zeigt in „Der Fremdling“, woran die Türkei gescheitert ist

Text: Karl Markus Gauss

Einer der interessantesten türkischen Romane, die ich kenne, stammt von einem Funktionär der kemalistischen Staatspartei und ist im Original schon vor 75 Jahren erschienen. Verfasst hat ihn der 1974 hochbetagt verstorbene Yakup Kadri.

„Der Fremdling“, ein trotz seiner Handlungsarmut ungemein fesselnder Roman, der bald nach der Erstauflage von 1932 in viele Sprachen übersetzt wurde, war sein größter internationaler Erfolg. 1939, zu Zeiten nationalsozialistischer Bücherzensur, konnte der Roman sogar in Deutschland erscheinen, wo Kadri als „völkischer Autor“ galt und „Der Fremdling“ zum Dokument eines großen nationalen Ringens umgefälscht wurde.

Wie gewaltsam diese Lesart war, kann man an der Neuauflage der alten Übersetzung von Max Schultz-Berlin studieren. Anstelle von dessen Vorwort, das vom nazistischen Zeitgeist nicht eben unberührt war, weist


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