Musiktheater

Inferno der Befürchtungen: Glucks Orfeo an der Wien

Kritik

Lexikon | Andreas Dallinger | aus FALTER 43/08 vom 22.10.2008

Berührend: Orfeo ed Euridice

In den letzten Bruchteilen der Zeit, die Sehnsucht und Glückserwartung von ihrer Erfüllung trennen, werden die Seelenhäute der Menschen dünn und durchlässig. Angst und Zweifel greifen zu. Was, wenn das Glück, nur einen Handgriff entfernt, vor unseren Augen zu Staub zerfiele? Das Leben ringsum gefriert, und die Fantasie wird zum reißenden Strudel, auf dessen Grund der Stein des Todes liegt. Auf diese Sekunden konzentriert Regisseur Stephen Lawless im Theater an der Wien die Geschichte von Glucks "Orfeo ed Euridice". Orfeo muss durch das Inferno seiner Befürchtung, bevor er mit seiner Geliebten vereint wird. Amor mutiert zum hämischen Dämon. Der Tempel der Kunst, von untoten Musikern bewohnt, verwandelt sich zum Hades. Übergroße Liebe entpuppt sich als unüberwindliche Schwäche. Geschickt und überzeugend schlägt die Inszenierung die Brücke vom antiken Mythos zur zeitlosen Lebensrealität der Menschen. Umgesetzt wird das von einem darstellerisch und gesanglich exzellenten Solistentrio (Bejun Mehta, Miah Persson, Sunhae Im). Und aus dem Orchestergraben klingt die Musik dank des Freiburger Barockorchesters unter René Jacobs unübertrefflich differenziert, mitreißend und berührend.

Theater an der Wien, letzte Vorstellung: 23.10. 19.30


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