Meinesgleichen

Aus der weiten Welt der Meinung

Falter & Meinung | aus FALTER 44/08 vom 29.10.2008

Die Frage, von welchem Interesse die sexuellen Orientierungen eines Politikers sind, kann und soll man stellen. Der deutsche Essayist Gustav Seibt hat das unter anderem so begründet: "Die Monarchie, das dynastische Nachfolgemodell setzt ein Paar voraus, das Kinder hat (…). Die Rede vom Landesvater und von der Landesmutter fasst diesen Gleichklang von Regierenden und Regierten im Bild der Familie zusammen. Es ist nicht einzusehen, warum das in einer Demokratie, die programmatisch von der Mehrheit geprägt wird, anders sein sollte. Im Gegenteil: Das geheime Ideal der Demokratie ist die Durchschnittlichkeit, und das schließt, nach Lage der Dinge, Heterosexualität ein. (…)

Dass Klaus Wowereit sich vor der Berliner Wahl öffentlich als Homosexueller bekannte, dass er die Wahl gleichwohl gewinnen konnte, ist gerade in einem Land, das noch vor 35 Jahren die schärfste Homosexuellen-Gesetzgebung Europas hatte, das Zeichen eines enormen Mentalitätswandels."

Hingegen verkalkuliere sich, wer meint, er könne Privates und Öffentliches auseinanderhalten: "Mit diesem Tabu fiel nämlich auch der Schutz der bürgerlichen Diskretion und - umgekehrt - auch der Anspruch, nicht mit der Privatsphäre der Politiker behelligt zu werden. (…) Hinter fehlender Offenheit stand bis zuletzt die alte Lüge und damit die Erpressbarkeit. Homosexuelle können inzwischen in staatliche Spitzenpositionen aufrücken." Sie müssten sich, sagt Seibt, aber "eindeutig erklären".

Quelle

Gustav Seibt: Kein Tabu - und mehr als ein Detail. Warum uns die Homosexualität von Politikern zu Recht beschäftigt. Süddeutsche Zeitung vom 21.6.2003


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