Doris Knecht

Das ist etwas für Babys und kleine Mädchen

Selbstversuch

Kolumnen | aus FALTER 44/08 vom 29.10.2008

Permanent muss man aufpassen, dass die Kinder nicht mit irgendwelchen völlig degenerierenden Medien und Medienprodukten in Kontakt kommen: Es ist total nervig. Am Samstag am Land schaffen wir es endlich, einen Tisch in einem der Handvoll akzeptablen Gasthäuser im Waldviertel zu bekommen; gemeinsam mit den Polzes und den Horwaths und den Hofingers, die auf Besuch sind, und wir müssen nicht einmal die Kinder mitnehmen, weil der Nachbarsvierzehnjährige hat sich zum Babysitten überreden lassen. Vierzehnjährige brauchen immer Geld. Leider beginnt der Abend suboptimal; denn der kleine Horwath ist ein liebes, nettes Kind, solange er seinen Willen bekommt. Wenn nicht, nicht. Zum Beispiel ist es nicht der Wille des kleinen Horwath, dass während der Elternabwesenheit "Bullerbü" geschaut wird, weil er der Ansicht ist, "Bullerbü" sei etwas für Babys und kleine Mädchen; der kleine Horwath ist härteren Stoff gewohnt. Und der kleine Horwath ist gewohnt, dass geschieht, was er bestimmt, bloß steht es diesmal drei zu eins für "Bullerbü". Der kleine Horwath hat eine sehr niedrige Frustrationstoleranz, und ich muss erst einmal in die Knie gehen und ihm mit großer Eindringlichkeit klarmachen, dass er zu mir sicher nicht "Blödmann" sagt. (Früher, als der kleine Horwath drei oder vier war, bebrüllte er den jeweiligen Diskursgegner als Seistwodl: Schön sprechen, Kleiner, das heißt Scheißtrottel, und das sagst du auch nicht zu mir.) Es ist aber unwahrscheinlich, dass er mich hört, weil er gerade sehr viel Blut im Kopf hat, das rauscht in den Ohren, und die Mimis fangen auch noch an zu weinen, weil das Gederwische und Gekreische des kleinen Horwath sie erschreckt.

Deshalb auch "Bullerbü"; die Mimis haben eine sehr niedrige Gewaltaffirmationstoleranz, medial und real, und als sie im Sommer einmal, eh gegen meine Überzeugung, "Harry Potter" geschaut haben, weil die Mosers gesagt haben, das wäre ein total harmloser Babyfilm, den auch ihre dreijährige Tochter schon schaut, brachen sie danach spontan in Tränen aus und hatten nächtelang Albträume. Und ich verstehe das überhaupt nicht und werde das nie verstehen, warum aufgeklärte Eltern ihre kleinen Kinder bewusst Bildern voller Bedrohung und Gewalt und Angst aussetzen. Ich bin ein großer Fan der netten Harmlosigkeiten von "Bullerbü", und beabsichtige, es zu bleiben.

Diverse Drohungen der Horwathin später ist auch der kleine Horwath bereit für "Bullerbü", der Nachbarsbub hat die DVD und vier Telefonnummern schon in der Hand und ist über Allfälligkeiten instruiert. Wie wir drei Stunden später heimkommen, sitzen alle Kinder um des Nachbarsbuben Laptop (der vorher noch nicht da war), und als ich das Zimmer betrete, sagt der kleine Horwath gerade zu ihm: "Kannst du den noch schnell töten?" Nein, kann er nicht. Weil jetzt ist erst einmal er dran.

www.dorisknecht.com; gerade erschienen: Doris Knechts Buch "Gut, ihr habt gewonnen. Neue Geschichten vom Leben unter Kindern" (Czernin)


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