Film

Trümmer und Tote: Waltz with Bashir

Neu im Kino

Lexikon | Maya McKechneay | aus FALTER 44/08 vom 29.10.2008

"Waltz with Bashir" von Ari Folman Mit dem Computer nachgezeichnete Szenen des realen Krieges

Das Rotoskopier-Verfahren wurde schon 1914 entdeckt. Von einem gebürtigen Wiener übrigens, Max Fleischer, dem 1888 in die USA emigrierten Vater des Regisseurs Richard Fleischer. So richtig durchsetzen konnte sich das aufwendige Nachzeichnen von filmischen Realszenen allerdings erst mit der Computerisierung. Ralph Bakshi ging mit seiner Version von "Herr der Ringe" 1978 voran, es folgten Sequenzen in "Tron" (1982), Richard Linklaters "Waking Life" (2001) und "A Scanner Darkly" (2006). Bis vor kurzem schien die Technik auf unheimliche Sci-Fi- und Fantasystoffe abonniert; und in gewisser Weise knüpft der israelische Regisseur Ari Folman auch an diese Ahnengalerie an, wenn sein wuchtiger Zeichentrickepos "Waltz with Bashir" die eigenen Kriegserlebnisse als Albtraum rekonstruiert.

In der Eingangssequenz hetzt ein Rudel Hunde durch das nächtliche Tel Aviv - böse Erinnerungen stören die Stadt in ihrem Schlaf. Der Sound ist plastisch, hart und real, der Hintergrund rotoskopiert, die Tiere sind am Computer gezeichnet. In solchen allegorischen Momenten entfaltet die Technik ihre ganze Kraft. Wie eine geheimnisvolle Unterströmung ziehen einen die Bilder rückwärts ins Jahr 1982, als israelische Soldaten in West Beirut zusahen, wie christliche Milizen ein Massaker an Zivilisten anrichteten. Der Moment X auf den der Strom der Zeichnungen zutreibt, ist schließlich ein reales, verwackeltes Video von Trümmern und Toten. Dabei spielt der Film die beiden Darstellungsformate gar nicht gegeneinander aus. Die Gleichung lautet vielmehr: Ein paar Sekunden Katastrophenfootage auf CNN entsprechen einem Universum von Ängsten. Nur dass man die im Normalfall eben nicht sieht.

Ab Fr in den Kinos (OmU im Stadtkino)


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