Ihre Stimmen im Ohr, ihre Stadt im Blick

Stadtleben | aus FALTER 45/08 vom 05.11.2008

Aus Interviews mit vertriebenen Juden fertigten zwei Historiker Audioguides für verstörende Stadtrundgänge

Rundgang: Florian Klenk

Im Kopfhörer ist jetzt die Stimme einer alten Frau zu hören. Augusta Appel spricht ein mit englischen Worten durchsetztes Wienerisch. Sie schwärmt von ihrem ersten Ball im Hotel Metropol am Morzinplatz in der Innenstadt: „Ich hatte ein Kleid, es war red, ganz tight. Es hat einen slit gehabt vom Boden bis zu meinem Popo. Es war eine sensation, because der Oberkörper war fast nackt!“

Während die Stimme der Frau erklingt, kann man Passanten zusehen, die am Morzinplatz auf den Flughafenbus warten. Es ist ein nebeliger Nachmittag. Im Ohr erklingt Walzermusik.

Augusta Appel, geborene Marienberg, war 16 Jahre, als sie 1931 im Metropol von einem Verehrer namens Leon Apfelschnitt zum Tanz aufgefordert wurde. „Fräulein Marienberg“, sagte Apfelschnitt, „werde ich mit Ihnen tanzen dürfen?“ „Hab ich gesagt: ‚Können Sie tanzen?‘ Sagt er: ‚Nein.‘


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