Doris Knecht

So war das nicht ausgemacht, Sedlacek

Selbstversuch

Kolumnen | aus FALTER 45/08 vom 05.11.2008

Sedlacek macht mich in seinen Mails zur Sau, es ist kein Spaß mehr. Nicht dass Spaß eine Kategorie wäre. Spaß ist etwas für Anfänger, für Großraumdiscobesucher. Wir Postspaßgesellschafter haben schon lange keinen Spaß im Sinne von Spaß mehr, wir packen höchstens den Moment, wir spüren uns höchstens, wir lassen uns höchstens einmal so richtig gehen; mit großer Ernsthaftigkeit und Hingabe und Respekt für den Kater danach. Großer Exzess, großer Kater, großer Schmerz. Ehrliche katholische Büßerei; dem ein nahezu ritueller Zwang zu neuerlichem Exzess, Kater, Schmerz immanent ist. Entsagung aus Vernunft, abwaschbarer Spaß ist etwas für Protestanten und andere Schweizer. Ich: Ich spaße nicht. Also, nicht dass ich allzu häufig nicht spaßte; eine Selbstmörderin bin ich auch wieder nicht. Außerdem, zugegeben, das Problem von so einem ausgewachsenen Kater ist, dass er vielleicht ganz gut im Kreise derer kommt, mit denen man ihn großgezogen hat, und die sind für gewöhnlich andernfrühs um sechsfünfzehn nicht anwesend; plus man muss zwischen neun und elf zum Buchstabentag in eine der Mimi-Klassen, um dort mit Erstklässlern zu lesen und als Buchstabenimpersonator kläglich zu versagen. Verdammt, das hatte ich vergessen. Mehr Kaffee. Wo sind die scharfen Kaugummis.

Er ist wütend auf mich, Sedlacek, er hat mir ein langes, betrunkenes Mail aus Moskau geschickt, das war so ernsthaft und ehrlich und berührend und tiefsinnig, dass ich darauf nichts zu erwidern wusste. Es ist leicht, mit Sedlacek zu kommunzieren, solange er an der Oberfläche bleibt, wo er sich normalerweise so aufgehoben und sicher fühlt, dass er sie nach Möglichkeit nie verlässt: Das ist seine Matrix, seine natürliche Umgebung. Da ist er leicht zu parieren, und seine Angriffe prallen an mir ab, wie meine Angriffe an ihm abprallen, wie Tischtennisbälle, es ist ein leichtes Spiel, für uns beide. Das Moskau-Mail passte nicht dazu, plötzlich war ich die Oberflächliche, die Geistlose, die, die nicht fähig und willens war, sich auf einen komplexeren Gedankengang einzulassen, und das ist nicht, wie wir, Sedlacek und ich, uns die Welt aufgeteilt haben. Das war so nicht ausgemacht. Ich habe nicht darauf geantwortet, zehn Tage nicht, und dann habe ich geantwortet, und zwar auf dieses Mail, und damit auf das falsche, weil Sedlacek war längst wieder da und wieder woanders und wieder da, und jetzt prügelt er mich durch Sonne und Mond, beschimpft mich, bestraft mich: erstens für meine Ignoranz, zweitens natürlich dafür, dass ich ihn beim Tiefgang ertappt und den Beweis für seine Zurechnungsfähigkeit immer noch in meiner Mailbox habe. Wenn das jemand erfährt, dass Sedlacek einen Charakter hat. Nicht auszudenken.

www.dorisknecht.com; gerade erschienen: Doris Knechts „Gut, ihr habt gewonnen. Neue Geschichten vom Leben unter Kindern“ (Czernin). Und apropos Charakter, ich bin im Übrigen der Meinung, dass mein Kolumnenkonterfei nicht meiner Persönlichkeit entspricht; liebes Christkind bring mir ein neues


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