Dokumentarische Rekonstruktionen

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Lexikon | Michael Omasta | aus FALTER 45/08 vom 05.11.2008

Emma, die Hauptdarstellerin aus „Frauentag“ von Johannes Holzhausen

Schauplatz dieses neuen halbstündigen Dokumentarfilms von Johannes Holzhausen ist Stadlern, eine Ortschaft in Bayern, deren Einwohner am 15. August eines jeden Jahres den titelgebenden „Frauentag“ begehen. Bei der Gelegenheit treffen sich Jung und Alt, um der Vertreibung aus dem, was früher einmal Sudetenland hieß, zu gedenken – und all jener Dörfer und Kleinstädte, die 1945/46, als das Gebiet an die Tschechoslowakei zurückfiel, praktisch von der Landkarte verschwanden.

Eine dieser Ansiedlungen war Wenzelsdorf, ein Ort mit 64 Häusern. Wenzel, einer, der als Kind dort aufwuchs, lebt immer noch in der Vergangenheit. Zusammen mit seinem Sohn unternimmt er Streifzüge über die nahe Grenze, führt Filmemacher Holzhausen und Kameramann Joerg Burger an die verlassenen Stätten seiner Jugend: Wald, dichter Wald, dazwischen verfallene Hütten, gefilmt in wunderbar stillen Tableaus. Was den Hass des alten Mannes gegen die Tschechen bis heute nährt, ist in Wahrheit aber etwas anderes: verschmähte Liebe. Emma, eine Deutsche, verliebte sich nach Kriegsende in Jan, den Förster von drüben: „Das kam wie aus den Wolken gefallen.“

„Frauentag“ ist ein Film über Unrecht, das nie vergehen, selbst nach 58 Jahren nicht in Vergessenheit geraten will (Wenzel schimpft Emma am Telefon eine Tschechenhure, noch heute), aber vor allem ein Film darüber, was „Grenzen“ im Leben von Menschen anrichten können.

Wienpremiere im Rahmen von Dokumentarische Rekonstruktionen, einem Programm von Sixpack, bei dem außerdem noch „True Story“ (Robert Frank) und „Eines Tages, nachts ...“ (Maria Arlamovsky) gezeigt werden.

Top, Mi 19 (in Anwesenheit des Filmemachers)


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