Kritiken

Blutiger als Hamlet: John Webster in der Scala

Martin Lhotzky | Lexikon | aus FALTER 46/08 vom 12.11.2008

Intrigante Herzöge und Kardinäle, eine verarmte Adelsfamilie am aufsteigenden Ast, Giftmorde und Geister – John Websters um 1612 entstandenes Drama „Weiße Teufel“ hat alles, was das Theater der Spätrenaissance geben konnte. Die Sprache ist vielleicht etwas weniger gewieft als bei Shakespeare, dafür bietet der Plot ausgefeiltere Volten als „Hamlet“, ganz sicher mehr Schießereien – und keine einzige Identifikationsfigur. Und es ist alles wahr! In nicht mal so groben Zügen basiert das Stück auf tatsächlichen Ereignissen in Rom und Padua um 1580. Regisseur Bruno Max verlegt die blutige Historie – ein bisschen überinterpretiert – ins faschistische Italien, der Medici-Herzog (Leopold Selinger) tritt als Mussolini, sein Gegenspieler Bracchiano (Wolfgang Lesky) als Mafiapate verkleidet auf die karge Ziegelwandbühne. Den eigentlichen Hauptpersonen, Flamineo (Michael Reiter) als Handlanger und Vittoria (Melanie Waldbauer) als Geliebte Bracchianos, bleibt dennoch genügend Raum zur Entfaltung. Am Ende der witzigen, geistreichen (Gespenster!) und brutalen drei Stunden sind die beiden Emporkömmlinge trotzdem tot.

Nächste Vorstellungen: Scala, Fr, Sa, Di, Mi, Do 19.45 (bis 22.11.)


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