Kritik

Gemischtes Doppel

Lexikon | Matthias Dusini | aus FALTER 46/08 vom 12.11.2008

Dieter Roth und Arnulf Rainer

Mit einer Ausstellung im Belvedere arbeitete Kunsthistoriker Robert Fleck ein vergessenes Kapitel der neueren Kunstgeschichte auf: Von 1972 bis 1981 weilte der Schweizer Dieter Roth mehrmals in Wien und fertigte mit Arnulf Rainer eine Vielzahl von Zeichnungen und Druckgrafiken an. Erstaunlich selbstlos öffneten die beiden nicht eben egoschwachen Künstler ihr Werk den Ideen des anderen. Die Überlagerung von gestischen Strichen mit erzählerischen und literarischen Elementen verwischt so perfekt die Kontur der individuellen Handschrift, dass Fleck von einem „dritten Künstler“ spricht. Ein solch ungewöhnliches, der eigenen Karriere alles andere als förderliches Experiment habe nur an der Wiener Kunstperipherie stattfinden können, befindet Fleck im Katalog.

Das Doppel agierte in Rainers Atelier wie Performer, was aus den Fotodokumenten der Zeit deutlich wird. Das Video „Duell im Schloss“ zeigt eine Aktion, bei der jeder theatralische, auch jeder didaktische Effekt vermieden wird; statt dem Ernst der Wiener Aktionisten huldigt das stolpernde Paar einer erfrischenden Slapstickkomik. Die gemeinsame Malaktion mit Schimpansen, 1979 in der Secession, ist der Höhepunkt dieser Attacken auf künstlerische Selbstüberhöhung. Dadaistischer Nonsens und surrealistischer Automatismus finden in dieser „Misch- und Trennkunst“, so der Titel einer der wenigen, stets erfolglosen Ausstellungen, eine charmante Aktualisierung.

Belvedere, bis 11.1.


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