Retrospektive

Jüdisches Filmfestival Wien 2008

Lexikon | aus FALTER 46/08 vom 12.11.2008

Seit es in Wien das Jüdische Filmfestival gibt, gibt es auch die Klage über die unzureichende Budgetierung dieser in der Tat sehr beachtlichen Veranstaltung. Mit jedem Jahr werden es der Filme, der Specials, der Gäste und der Spielorte dennoch immer mehr. Heuer dienen Metro, Votiv, De France als reguläre Festspielkinos, dazu gibt es außerdem Aufführungen an der historischen Stätte des Jüdischen Theaters im Nestroyhof. Insgesamt drei Themenschwerpunkte rücken Israel und Palästina in den Fokus, vergessene Pioniere des Jiddischen Kinos sowie den Wiener Schauspieler Otto Tausig, dessen jüngster Film, „Love Comes Lately“ von Jan Schütte, hier noch vorm regulären Kinostart seine feierliche Wienpremiere erlebt.

Einen der absoluten Höhepunkte des heurigen Programms indes markiert eine kleine, unscheinbare Arbeit des aus Marokko stammenden französischen Regisseurs Philippe Faucon. „Dans la vie“ erzählt die Geschichte zweier älterer Frauen, deren algerische Herkunft ihre einzige Gemeinsamkeit bildet. Zumindest am Anfang, denn Halima ist Muslimin, die an den Rollstuhl gefesselte Esther ist Jüdin. Faucon hat seinen Film mit Laiendarstellerinnen besetzt, und wie diese ihren Charakteren und der Geschichte nach und nach Kontur und Eigenleben verleihen, gehört zum Spannendsten und Rührendsten, was man in diesen Tagen zu sehen bekommt. „Wir sind wie Schwestern“, erklärt Esther einem ihrer Söhne schließlich mit größter Bestimmtheit, als dieser sie wegen ihres vermeintlichen Verrats am Kampf gegen den „Erzfeind“ zur Rede stellen will. Das ist ganz einfach verständliches, dabei intelligent gemachtes Kino, im einzig wahren Sinn des Wortes also: Volkskino. Mehr davon! MO

Im Metro, Votiv und De France, vom 13. bis 27. 11.


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