Ins Mark

Der Kommentar zur steirischen Woche

Steiermark | aus FALTER 46/08 vom 12.11.2008

Stachel der Demut

Wer schon immer einmal einer Partei bei der Selbstauflösung zusehen wollte, der findet derzeit in der Steirischen Volkspartei ein Studienobjekt allererster Güte. Mit der ihm eigenen Mischung aus Weltoffenheitsbeteuerung und gelebtem Schmollwinkelianismus steuert Parteichef Hermann Schützenhöfer die über Jahrzehnte landesbeherrschende Partei sehenden Auges in Richtung Kleinstparteichen. Nur in Tirol hat die ÖVP bei der Nationalratswahl mehr verloren als in der Steiermark. Das wird bei den nächsten Landtagswahlen wohl noch zu unterbieten sein!

Jetzt schon Spitzenreiter ist die Steirische VP hingegen in Sachen Trotz. Eine „Koalition der Verlierer“ auf Bundesebene wolle man nicht, wurde Schützenhöfer seit der Wahl nicht müde zu beteuern, brachte stattdessen eine fürwitzig mit „bürgerliche Mehrheit“ betitelte Alternative (mit FPÖ und BZÖ) ins Spiel, später auch eine Variante schwarz-orange-grün. Mitverhandeln wolle er all das aber nicht, sagte er, da sei er, ganz Bibelmann, lieber „Stachel im Fleisch“. Dass es aber vielleicht gerade diese Politik des Aufstachelns, der täglichen Nadelstiche war – im Bund exemplarisch von ÖVP-Generalsekretär Hannes Missethon durchexerziert, noch so ein sozifressender Schmollsteirer –, die am 28. September abgewählt wurde, darauf sind die steirischen Funktionäre noch nicht gekommen. Die fantasieren, wie letzte Woche anlässlich des Graz-Besuchs von Josef Pröll, lieber trotzig über eigene kommunale Namenslisten und VP-Abspaltungen nach Muster der bayerischen CSU. So wird das nichts: Lieber nochmal im Korinther-Brief nachlesen, wozu so ein „Dorn für das Fleisch“ eigentlich gut ist: „Damit ich mich nicht überhebe ...“.

Thomas Wolkinger leitet die Redaktion des steirischen Falter


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