Fragen Sie Frau Andrea

Kulturlulu und der Duft der weiten Welt

Kolumnen | aus FALTER 46/08 vom 12.11.2008

Andrea Maria Dusl beantwortet knifflige Fragen der Leserschaft

Liebe Frau Andrea,

ich fahre wochentags, immer morgens und abends, mit dem Fahrrad an der Wiener Staatsoper vorbei. Und jedes Mal riecht es – auf dem Ringradweg, wenn man in Richtung Burggarten fährt, kurz bevor man an der Oper vorbei ist – ganz penetrant nach Parfum. Aber nur ein ganz kurzes Stück des Weges. Und zwar riecht es nicht nach einem bestimmten Parfum, sondern nach einem bestialischen Gemisch, ungefähr so, wie wenn man beim Douglas 100 Kundinnen wild durcheinanderprobieren lässt. Parfümerie ist dort keine in der Nähe. Ich hab schon überlegt, ob es möglicherweise die Lüftung von der Oper ist und das, was man auf dem kurzen Stück Radweg riecht, die Ausdünstungen der Opernbesucher sind. Jedenfalls lässt mir das keine Ruhe, jedes Mal, wenn ich vorbeifahre, werde ich neugieriger. Viele Grüße,

Michaela Dimmel, per Elektropost

Liebe Michaela,

gerieten Sie nur des Abends in dieses Bouquet an Vielgerüchen, ließe sich denken, es käme von der singspielsüchtigen Klientel selbst, die, aus den Tiefen der U-Bahn-Schächte und Tiefgaragen kommend, dem Musentempel zueilt. Da Sie aber, wie ich ihren Zeilen entnehme, die Hundertkundinnenwitterung auch am Morgen aufnehmen, müssen wir Opernbesuchende aus unserer Verdächtigenliste streichen. Die Annahme, hocharomatisierte „Rigoletto“-Fans und „Tosca“-Süchtige würden sich schon morgens vor der Oper aufhalten, muss ausgeschieden werden. Die Stehplatzclaque lungert zwar schon zur Gabelfrühstückszeit in den Arkaden der Oper, ist aber meist unterparfümiert und kommt als Geruchstäter nicht infrage.

Trotzdem scheint es sich bei dem von Ihnen beschriebenen olfaktorischen Phänomen um Operngerüche zu handeln. Die Herkunft der Duftpestilenzschwaden orte ich in der „Vienna Opera Toilet“, einem öffentlichen Themenklo in der Opernpassage. Zu den Klängen von Donauwalzer und Wischerlpolka können Touristen hier Kulturlulu machen. Die Damen in schicken Logen, die Herren direkt an der Bar. Hochparfümiert, versteht sich. Im Übrigen bin ich der Meinung, dass mein Kolumnenporträt weder meinem Aussehen noch meiner Persönlichkeit entspricht und ich mir daher wie die Mehrzahl meiner Kolumnistenkollegen zum Christkind ein neues wünsche.


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