Kritik

Kolonialwarenmisshandlung

Lexikon | Hermann Götz | aus FALTER 47/08 vom 19.11.2008

Großes Solo für Esther Sternad

Als die Proben zu „Wie schön weiß ich bin“ begannen, stand der nächste Präsident der USA noch nicht fest. Trotzdem hat Dolf Verroens Jugendbuch, das unter der Regie von Martin Horn (Theater Mundwerk) im TaO! auf die Bühne kam, mit Barak Obamas Schritt ins Rampenlicht der Weltöffentlichkeit sehr an Aktualität gewonnen. Zur Erinnerung: Obamas Sieg galt aufgrund seiner Hautfarbe noch am Abend der Wahl nicht als sicher.

Es ist eine nur scheinbar ferne Welt, in die die Erzählung der zwölfährigen Maria entführt, die zum Geburtstag ihren ersten eigenen Sklaven erhält. Und doch: Die Geschichte spielt nicht im alten Rom, sondern Mitte des 19. Jahrhunderts in einer niederländischen Kolonie. Afrikanische Sklaven sind hier quasi Haustiere – und selbst diesen mutete man ungern all die Brutalität zu, von der die kleine Maria ganz selbstverständlich erzählt. Der Kunstgriff des Stücks besteht darin, dass Maria beileibe kein Monster ist, sondern ein Kind wie alle anderen auch, etwas verwöhnt vielleicht, aber auch verunsichert, wenn sie sich Sorgen um ihre Mutter macht, weil ihr Vater der schönen Ware am Sklavenmarkt in den Hintern kneift.

Für die 1983 geborene Esther Sternad, die bereits am Theaterzentrum Deutschlandsberg von sich hören machte, ist das Solo der zwölfjährigen eine echte Herausforderung. Gesten und Mimik werden präzise gesetzt, Regisseur Horn lässt Sternad die Göre, die ihre Eltern imitiert, voll ausspielen, lässt Maria mit ihren Emotionen jonglieren und macht zugleich deutlich, dass sie nicht weiß, was sie von sich und der Welt halten soll. Das weiß der Zuseher am Ende auch nicht mehr. Ein bedrückend lebendiges Stück Literatur.

Theater am Ortweinplatz, 19. u. 20.11, 20.00, dann wieder am 9.,10.,11. u. 12.12.


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