Doris Knecht

Und wenn man nicht muss, dann will man

Selbstversuch

Kolumnen | aus FALTER 47/08 vom 19.11.2008

Anderntags muss ich um elf im Fürstenhof gestellt sein, die Schellinskis, die alten Haberer, präsentieren ihre neue CD „Herz Schmerz Hotel“. Wie ich den Fürstenhof betrete, sitzt dort Hermes (nicht der Hermes von nebenan, der andere Hermes) hinter einer dunkeldunklen Sonnenbrille; man kann nicht sagen, ob er wach ist oder schläft, er wirkt aber so, als würde er, wenn er nicht schläft, Selbiges gerne tun. Ich sage, haha, mir geht’s auch schlecht, weil ich war gestern bis drei im Jenseits, und Hermes sagt, das sei insofern interessant, als er gestern bis fünf im Jenseits aufgelegt habe. Ach, echt. Hab dich gar nicht gesehen, war in der andern Ecke mit der Ruth und dem Herrn Verlagschef und der Frau Lektorin und dem Herrn Wilderschriftsteller, es war überaus anregend. Der Lange kommt, der Fink und noch ein paar andere, und dann geben die Schellinskis zu Gulasch und Bier ein kleines Konzert mit Liedern, die nur Fink und ich verstehen, aber die anderen finden es auch ganz prächtig. Weil die Schellinskis sind ungefähr so etwas wie der Ernst Molden auf Vorarlbergerisch, der mir übrigens nach der letzten Kolumne einen nagelneuen Track gemailt hat: pvau, danke, echt nett. Aber im Unterschied zum Molden hat mir der Schellinski-Sänger, der damals die coolste Sau zwischen Kummenberg und Schweizer Grenze war, schon Bluese vorgesungen, wie ich selbst praktisch noch ein Kind war; das prägt. Es ist also sehr nett im Fürstenhof, und das Bier käme mir jetzt unglaublich gelegen, aber danke nein, ich muss noch arbeiten. Und dann noch ausgehen.

Das Leben ist derzeit so, dass uns die Babysitter ausgehen. Ständig ist etwas. Immer muss man wo sein, und wenn man nicht muss, dann will man. Hab ich nicht letztes Jahr den ganzen Herbst und den ganzen Winter gekocht und Kuchen gebacken? Und war das nicht schön und ungemein befriedigend? Kann mich nicht mehr erinnern. Kochen spielt derzeit in meinem Dasein eine so untergeordnete Rolle, dass die Anna, wie sie kürzlich am frühen Abend zum Babysitten herüberkam, bis auf die Tiefkühlerbsen und ein Pommes rundheraus das gesamte Essen ablehnte, das ich ihr auf den Teller schaufelte: zu viel Unklarheit bei der Zusammensetzung der Hühnernuggets, die die Kinder serviert bekamen, und zu viel Klarheit beim Inhalt der Garnelenwantan aus dem Tiefkühlsack. Anna sagt, Entschuldigung, sie verträgt leider kein Glutamat. Ich schon; magst vielleicht ein Brot?

Immerhin kann ich den Einzug der Realität ins Leben meiner Kinder verlautbaren, denn als ich das Haus verlasse, zeigen die Mimis der Anna gerade, was sie in der Schule gelernt haben, sie können jetzt nämlich auf Türkisch „Arschloch“ sagen. Gott sei Dank, ich dachte schon, sie lernen da gar nichts fürs Leben.

Doris Knecht liest bei der Buch Wien aus ihrem neuen Buch „Gut, ihr habt gewonnen“ (Czernin): Sa, 22.11., 17 Uhr am Podium im Messezentrum, und um 20 Uhr bei der „Independent Nacht“ im brut im Künstlerhaus


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