Fragen Sie Frau Andrea

Bartels Most und wo er ihn holt

Kolumnen | aus FALTER 47/08 vom 19.11.2008

Andrea Maria Dusl beantwortet knifflige Fragen der Leserschaft

Liebe Frau Andrea,

letztes Wochenende habe ich mit meinem Freund einen Ausflug ins niederösterreichische Kirnberg an der Mank unternommen. Während des sonntäglichen Kirtagsknödelessens im Dorfwirtshaus konnten wir zwei Kirnberger belauschen, die am Stammtisch die österreichische Innenpolitik besprachen und in der Exegese des Wochengeschehens zu folgendem Resümee kamen: „Wiad da Pröh in Feimau zang, wo da Bartel in Most hoit!“ Bitte was? Wieso Most? Und wer ist der Bartel?

Viele Grüße,

Anna Sagnit, per Elektropost

Liebe Anna,

ganz offensichtlich haben Ihre Tischnachbarn die beiden Chefverhandler von ÖVP und SPÖ, Josef Pröll (Pröh) und Werner Faymann (Feimau), gemeint, die sich momentan in der Warteschleife des ausgesetzten Koalitionsgespräches befinden.

Obwohl Ihre kleine Kirtagsknödelgeschichte im Mostviertel spielt, hat sie wenig mit dem gegorenen Apfeltrunk zu tun. Die landläufige Meinung, ein gewisser Bartholomäus, Bartel genannt, sei allein deswegen handlungstechnisch im Vorteil, weil er wisse, wo der Most eingekellert ist, ist weit verbreitet, aber grundfalsch. Die Redewendung kommt aus dem Rotwelsch, der Sprache der Gauner und Bettler, und verwendet zwei Hebraismen, die aus dem Jiddischen entlehnt wurden und weder mit Apfelwein noch mit einem Herrn Bartl zu tun haben.

Most ist nicht vergorener Obstsaft, sondern Moos, das Geld, von der Mehrzahl des jiddischen moo (Pfennig, Geld). Bartel ist eine Verschleifung des jiddischen Wortes barsel (Eisen). Wenn der rotwelsche Barsel wusste, wo er das Moos holt, dann deswegen, weil das Brecheisen wusste, wo das Geld lag. Welches Brecheisen Josef Pröll nun wiederum vorschwebt, um Kollegen Werner Faymann zu zeigen, wo die Verhandlungssumme liegt, lässt sich mangels weiterer Textfragmente aus Ihrem belauschten Gespräch nicht sagen.

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass mein Kolumnenporträt weder meinem Aussehen noch meiner Persönlichkeit entspricht und ich mir daher wie die Mehrzahl meiner Kolumnistenkollegen zum Jahresendfest ein neues wünsche.

„Boboville“, der neue Dusl-Roman, bei Residenz erschienen


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