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Olivier Assayas zeigt L'Heure d'été

Lexikon | Gerhard Midding | aus FALTER 48/08 vom 26.11.2008

Die Vokabeln Autorenfilm und Auftragsarbeit vertragen sich eigentlich schlecht, aber in diesem Falle finden sie in nobelster Eintracht zueinander: Unter den Regisseuren, bei denen das Pariser Musée d'Orsay vor einigen Jahren Filme bestellt hat - Hou Hsiao-hsien, Hong Sang soo, Abbas Kiarostami -, ist Olivier Assayas derjenige, der sich am ernsthaftesten mit Wesen und Funktion des Auftraggebers auseinandersetzt. Wie man das (Kultur-)Erbe bewahren, wie die Vergangenheit der Gegenwart begegnen kann, ist das Thema seines Films.

"L'Heure d'été" erzählt die Geschichte zweier Häuser, die beides Schatzkammern sind, reich gefüllt mit Kunstwerken und Erinnerungen. Als ihre Mutter (Edith Scob) kurz nach ihrem 70. Geburtstag stirbt, müssen drei Geschwister entscheiden, was mit ihrem Landhaus außerhalb von Paris geschehen soll. Die Mutter hat es als einen Schrein für ihren Großonkel eingerichtet, der ein bedeutender spätimpressionistischer Maler war. Ihr ältester Sohn (Charles Berling) will es halten, schon um der Kinder willen, wie er glaubt, aber vor allem zum Andenken an die Geborgenheit, die er dort erfahren hat. Seine Schwester (Juliette Binoche) und sein jüngerer Bruder (Jérémie Rénier) leben jedoch im Ausland; es fällt ihnen leichter loszulassen. Die Möbel und Kunstwerke, mit denen der Alltag dort jahrzehntelang drapiert war, sollen aus Steuergründen an das Museum gehen. Assayas inszeniert diesen Umbruch der Biografien als Tragödie ohne Konflikt, als heitere Elegie. Eric Gautiers Kamera scheint unablässig in Bewegung zu sein, indes mit einer betörenden Ruhe und Gelassenheit, die ein melancholisches Einverständnis verraten mit dem Fluss des Lebens.

Österreichisches Filmmuseum, Do 27.11., 20.30 und Fr 18.30 (OmU), in Anwesenheit von Olivier Assayas


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