Enthusiasmuskolumne

Diesmal: Das beste mobile Jazztrio der Welt der Woche

Feuilleton | Klaus Nüchtern | aus FALTER 48/08 vom 26.11.2008

Winterreise ohne Depressionen

Was vermeid ich denn die Wege / Wo die ander'n Wand'rer gehn / Suche mir versteckte Stege / Durch verschneite Felsenhöh'n?", heißt es in Wilhelm Müllers/Franz Schuberts "Wegweiser". Von den Hunden verbellt, von potenziellen Herbergsgebern abgewiesen, vom Wind zerzaust, von Irrlichtern und Nebensonnen gefoppt, schleppt sich das schwermütige lyrische Ich durch eine fahl-frostige Landschaft, einen schrecklichen Spiegel innerer Leere.

Ja, Winterreisen waren in den 1820er-Jahren, als es weder Autos noch Autobahnraststätten, geschweige denn Autostereoanlagen gab, noch ziemlich ungemütlich. Heute sieht das schon ganz anders aus: Da setzt man sich zu dritt in den Pkw, legt ein sorgsam zusammengestelltes Tape ein - und ab geht die Post.

Und im Unterschied zu Müller/Schubert - "Die Post bringt keinen Brief für dich. / Was drängst du denn so wunderlich, / Mein Herz?" - geht die Post bei den drei Herren, von denen hier die Rede ist, tatsächlich ab, jedenfalls im übertragenen Sinne.

Seit fast vier Jahrzehnten spielen Alexander von Schlippenbach, Evan Parker und Paul Lovens gemeinsam im Trio. Und seit drei Jahrzehnten pflegen sie in der Adventzeit ein liebgewordenes Ritual: Sie gehen auf "Winterreise", wie denn auch eine vor zwei Jahren erschienene CD des Trios heißt. Schlippenbach fährt, Parker liest die Straßenkarte, Lovens bedient den Kassettinger. So geht das 4000, 5000, 6000 Kilometer lang - von Kneipe zu Kneipe, Jazzklub zu Jazzklub. Schlippenbach haut in die Tasten, Parker bläst in seine Saxofone, Lovens beklopft seine Topferln.

Was diese drei Säulenheiligen des europäischen Free Jazz, die mittlerweile auch schon 193 Jährchen auf die Bühne bringen, im Rahmen ihrer klingenden Herbergssuche zuwege bringen, ist kaum weniger als die Quadratur des Kreises: verlässlich Unvorhersehbares, erhabene Routine. Mit anderen Worten: Es ist wie Weihnachten! Diesmal schon am 3.12. im Porgy & Bess.


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