Wie sich Egon Schiele aus dem Jenseits weigerte, in Neubau eine Ausstellung zu machen

Feuilleton | aus FALTER 48/08 vom 26.11.2008

Medium: Matthias Dusini

Seit meiner Zeit in der Jungschar habe ich das nicht mehr erlebt: Im Kreis sitzen und den Namen eines höheren Wesens anrufen. "Egon Schiele, bist du hier?", riefen wir am vergangenen Mittwoch, zu sechst an einem runden Tisch sitzend, im Kunstraum k48. Die Berliner Künstlerin Julia Kissina hatte zu einer Séance geladen; der tote Künstler sollte aus dem Jenseits den Zeichenstift bewegen.

In Moskau wählte Kissina den Revolutionskünstler Kasimir Malewitsch aus, in Zürich den Dadaisten Hugo Ball. Schiele war genial genug, um über seinen frühen Tod hinaus wirksam zu sein. Genie, Einfluss und Unsterblichkeit sind Kategorien der Kunstgeschichte, die es zu hinterfragen gilt. "Ein Dritter macht Werke, die man ausstellen kann", beschreibt Kissina ihr Interesse.

"Magst du Künstler, Egon?" Der Duzfreund antwortete mithilfe eines Tellers, den wir mit dem Finger berührten und der in Richtung eines "Nein" oder "Ja" wanderte. Eine Stunde lang tat sich nichts, dann, nach ein paar Achterln Wein, hatten wir den Teller Richtung "Nein" geschoben.

Ein nacktes Aktmodell wohnte ein wenig ratlos dem Geschehen bei. Die Séance-Leiterin verbat dem Raumbetreiber Oliver Hangl das Fotografieren, dann dem Publikum das Reden und schickte schließlich eine Teilnehmerin vom Feld, die ihre Finger vom Tellerrand nahm. Schließlich wollte sie selbst einige Fotos machen und bekam prompt vom Modell einen Anschiss. "Das war nicht ausgemacht."

Das Publikum verfolgte die spiritistische Sitzung per Videoübertragung; vielleicht stellte sich da ein geisterhafter Effekt ein. Nach dreistündiger Schwerarbeit waren schließlich drei Blätter bekritzelt. Wir wussten: Wenn Egon nicht kommt, müssen wir die ganze Nacht hier sitzen.

Die "Schieles" sind bis 5.12. im k48 zu sehen (7., Kirchengasse 48; www.olliwood.com). Egon-Schiele-Ausstellung zum 90. Todestag: bis 11.1. im Leopold Museum (MQ)


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