Fragen Sie Frau Andrea

Leopolds Insel, Mazzes, Oberer und Unterer Werd

Kolumnen | aus FALTER 48/08 vom 26.11.2008

Andrea Maria Dusl beantwortet knifflige Fragen der Leserschaft

Liebe Frau Andrea,

seit kurzem wohne ich im zweiten Bezirk. In einer Zimmer-Küche-Kabinett-Wohnung in Zentralboboville, direkt im Karmeliterviertel. Bei einem Gemüsestandler habe ich den Ausdruck "Im Werd" aufgeschnappt. Eine Freundin meint, so hieße die Leopoldstadt in Wirklichkeit, stimmt das?

Leopoldstädter Grüße sendet Ihnen Veronika Zobek

Liebe Veronika,

das Gebiet des heutigen 2. Bezirks hat viele Namen. Im satirischen Kosmos Bobovilles heißt die Gegend um den Karmelitermarkt Bobograd. Der Ausdruck spielt mit der Erinnerung an die sowjetische Besatzungszone nach dem Zweiten Weltkrieg und seine heutige Nutzung als Schlaf-, Arbeits- und Fortgehstadt der Bobos. Der Karmelitermarkt hat seinen Namen vom benachbarten Karmeliterkloster. Mazzesinsel wiederum hieß die brettlebene ehemalige Au in Anlehnung an die jüdische Bevölkerungsgeschichte der Donauinsel.

1625 hatte Habsburgerkaiser Ferdinand II. hier den Wiener Juden Raum für ein Ghetto zugewiesen, das Kollege Leopold I. bald räumen ließ. 1670 ließ er anstelle der Synagoge die Leopoldskirche errichten. Seither heißt die Inselgruppe gegenüber der Stadt Leopoldstadt. Jüdisches Leben sollte dennoch wieder einziehen auf der Insel. Ihr ursprünglicher Name war Unterer Werd, sie war im Süden begrenzt vom Donaukanal, im Norden, gleich hinter dem Augarten, von einem Teil des Donauhauptstromes namens Fahnenstangenwasser und im Südosten von einem kleinen Wasserlauf namens Fugbach.

Einen Oberen Werd gab es auch, er lag aber jenseits des Donaukanals, zwischen der heutigen Liechtensteinstraße und der Rossauer Lände. Der Ausdruck Werd oder Wörth kommt direkt aus dem Althochdeutschen, von "werid", erhöhtes Land im Wasser.

Heute sind alle Donauarme im zweiten Bezirk versandet und zugeschüttet, mit einer Ausnahme: dem Heustadlwasser im Prater. Der Nachenweiher und seine Gestade geben einen guten Eindruck davon, wie es in der heutigen Bobohochburg einst ausgesehen hat. Im Übrigen bin ich der Meinung, dass mein Kolumnenporträt weder meinem Aussehen noch meiner Persönlichkeit entspricht und ich mir daher wie die Mehrzahl meiner Kolumnistenkollegen zum Jahresendfest ein neues wünsche.


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige