Stadtrand

Rote Ampeln und Straßenbahn-Psychologie

Urbanismuskolumne

Stadtleben | Joseph Gepp | aus FALTER 49/08 vom 03.12.2008

Es gibt in der Psychologie eine Theorie, die man „Stufen der moralischen Verantwortung“ nennt. Sie fragt danach, mit wie viel selbstständigem Denken man eine (moralische) Entscheidung fällt. Zum Beispiel: Wenn eine Ampel rot leuchtet, aber weit und breit kein Auto zu sehen ist, dann gibt es zwei Typen von Fußgängern: jene, die die Straße überqueren, weil das Warten keinen Sinn macht. Und jene, die sklavisch auf Grün warten, weil’s eben Regel ist. Die Wiener – behaupten wir – sind Meister der moralischen Verantwortung. Das zeigt sich nicht nur daran, dass sie permanent bei Rot die Straße überqueren. Das sieht man auch an einer wunderbaren Durchsage, die oft durch Straßenbahnwaggons schallt: „Wir bitten Sie, Ihren Sitzplatz anderen zu überlassen, wenn diese ihn notwendiger brauchen.“ Was für ein Satz: nicht Schwangere, Alte oder Behinderte – einfach alle, die ihn notwendiger brauchen. Ein Appell ans eigene Einschätzungsvermögen! Auf höchster Stufe der moralischen Verantwortung! Jetzt kann man eigentlich auch gleich die Ampeln abschaffen.


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