Doris Knecht

Ich war oft heiser in den Neunzigern

Selbstversuch

Kolumnen | aus FALTER 49/08 vom 03.12.2008

Ich bin jetzt noch verärgert darüber, dass ich das TV-On-The-Radio-Konzert ausgelassen habe. Selbstverständlich das, wie ich höre, großartigste Konzert des Jahres, unübertrefflich. Stattdessen saß ich mit Sedlacek in einem italienischen Lokal, und Sedlacek war überraschend angenehm; erwachsen, gelassen, zuhörbereit: Leider war ich es nicht, was in erheblichem Maß mit verschiedenen Aktivitäten zu tun hatte, in denen jeweils Rotwein eine Rolle spielte. Ich vertrage keinen Rotwein auf nüchternen Magen, haben das jetzt alle verstanden? Zuerst war ich mit einem der Mimis Adventkranzbinden im Hort (Glühwein), dann war das andere Mimi bei einem Freund abzuholen, wo es etwas zu essen gab (was ich, wegen der Verabredung mit Sedlacek, ausschlug) und Rotwein zu trinken (was nicht). Dann übergab ich die Kinder dem Babysitter und eilte in das Restaurant, wo Sedlacek schon beim Rotwein saß und in die Speisekarte blickte, aber ich hatte doch keinen Hunger und beteiligte mich nur am Wein. Am nächsten Tag wusste ich nicht mehr, ob ich eigentlich den Babysitter bezahlt hatte, und Sedlacek antwortete bis heute nicht auf ein Mail, das eine Menge Ähs enthielt. Der Mann hat keine Ahnung, wie schnell eine Mutter in eine akute Angetschechertheit rutschen kann. Viel schneller als keine Mutter nämlich, weil keine Mutter würde gerade aus dem Büro kommen, wo sie bis eben volkswichtige Erwerbsarbeit erledigt hätte. Was einen tatsächlich entschieden weniger durstig macht als das Binden von Adventkränzen und danach ein Rudel Sechsjähriger, das sich einen völlig enthemmten Dreifrontenkrieg mit Lebensmitteln, Schuhen und Tampons liefert, bis man sie endlich alle an den Ohren zu fassen kriegt. Seids ihr eigentlich noch. Kruzi.

Egal. Zum Glück habe ich nicht das Bernhard-Fleischmann-Konzert ausgelassen. Ich glaube zwar, dass es in ganz Wien keinen dümmer konzipierten Konzertsaal gibt als den sonst hübschen Ragnarhof, aber das Konzert war wunderbar melodiöses Gefrizzel mit hohem Seelenanteil, sehr uncool, sehr berührend, hat viel mit den Gaststimmen von Marilies Jagsch und Sweet William Van Ghost zu tun. Am Ende betrat auch noch Christoph Kurzmann vollkommen unverändert die Bühne, und ich fiel schlagartig ins Zeitloch, zurück in die 90er, die ich praktisch lückenlos auf Konzerten verbracht habe und mit der Abklärung musikalischer und gesellschaftspolitischer Standpunkte. Ich war oft heiser in den 90ern. Ich konnte ausschlafen in den 90ern. Es war nett in den 90ern. Dafür hatte ich keinen Adventkranz und niemand, der mir tagelang damit auf die Nerven ging, wann jetzt endlich die erste Kerze angezündet würde, und insofern, so viel vorweihnachtliche Kinder-Verbrunztheit erlaube ich mir jetzt einmal, bin ich vollkommen damit einverstanden, dass sie vorbei sind.

Tuts nur den Rotwein weg: bitte. Und malts mir ein neues Kolumnenbild, danke.


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