Fragen Sie Frau Andrea

Ab wann ist denn etwas Unbuntes bunt?

Kolumnen | aus FALTER 49/08 vom 03.12.2008

Liebe Andrea Maria,

guten Morgen! Eine leichte Frage zur Tageseinstimmung. Bei wie vielen Farben beginnt die Buntheit? Und warum? Danke für die prompte Antwort.

Dein Jan Tabor, per SMS

Lieber Jan,

promptissime bei zwei. Sprachgeschichtlich betrachtet beginnt die Buntheit nämlich schon bei Schwarz und Weiß. Im Mittelhochdeutschen bezeichnete das Adjektiv „bunt“ noch alle Oberflächen, die schwarz-weiß gefleckt oder zebrafellartig gestreift waren; das Mittelalter hatte ein großes Faible für Op-Art. Auch zweifarbiges Fellwerk galt als bunt. Ein Echo darauf gibt es noch heute im Norddeutschen, wo bei gefleckten Rindern schwarzbunt (weiß mit schwarzen Flecken) und rotbunt (weiß mit roten Flecken) unterschieden werden.

Unsere heutige Bedeutung verdankt das Bunte Martin Luther, der in seiner Bibelübersetzung das klosterlateinische punctus (punktiert, farbig gestickt) mit dem Schwarz-Weiß-Wort vermischt. Auch unser Begriff Farbe bezeichnet nicht das Gegenteil zum Schwarz-Weißen, jene Entwederodrigkeit, die unsere Kultur erst mit dem Eintritt ins fotografische und televisionäre Zeitalter zu benennen weiß.

Farbe kommt vom althochdeutschen farawa, faro, gefärbt. Es war meist mit einer Farbangabe verbunden. Blumen und Kleider konnten blafaro sein, blau, Tiere und Bärte brunfaro, braun. Eine deviante Etymologie will in einem jüngst aufgetauchten gotischen farw für Aussehen, Gestalt eine Entlehnung aus dem arabischen farw, farwa, Pelz sehen.

Wer jemals die 60er-Jahre-Serie „I Dream of Jeannie“ in der originalen Farbfernsehversion gesehen hat, wird sich dem Gedanken eines Colortransfers vom Orient nach dem Okzident nicht gänzlich verschließen wollen.

Für die Erosion des mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Farbbegriffs sorgte der Hausbrand, der die Städte der kühleren Gegenden Europas im Laufe der Jahrhunderte mit einem falben Rußschleier überzog. Die Polychromie der Innenräume der gotischen Dome entzauberte simpler Kerzenruß.

Im Übrigen bin ich der anhaltenden Meinung, dass mein Kolumnenporträt weder meinem Aussehen noch meiner Persönlichkeit entspricht und ich mir daher zum Jahresendfest ein neues wünsche.

Andrea Maria Dusl beantwortet knifflige Fragen der Leserschaft


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