Madonna in der Babypause: Aus Kult wird Kunst

Lexikon | Matthias Dusini | aus FALTER 50/08 vom 10.12.2008

Goldgrundmalerei im Liechtenstein Museum

Das Liechtenstein Museum zeigt frühe italienische Malerei. Es handelt sich dabei in erster Linie um kleinformatige Täfelchen mit religiösen Darstellungen, die ursprünglich Teile von Altären waren. Die Diptychen und Triptychen wurden, als sie außer Mode gerieten, in Einzelteile zerlegt.

Die mit Blattgold beschichteten Bretter dienten als Tischbeine oder landeten im Ofen; übrig blieb das Edelmetall. Auf dem Kunstmarkt ließ sich im 19. Jahrhundert mit Einzelteilen mehr Profit machen.

Heute gehört die Pariser Galerie G. Sarti zu den wichtigen Umschlagplätzen der raren Ware. Sie finanziert nicht nur den Betrieb des Liechtenstein Museums mit, sondern stellte auch zwei Drittel der Werke florentinischer und sienesischer Meister zur Verfügung. Absicht der Kuratoren ist es, auf den ursprünglichen Zusammenhang der in alle Welt verstreuten Bilder aufmerksam zu machen.

Im Oströmischen Reich identifizierten die Gläubigen die Figuren auf den Bildern mit Kultpersonen wie Maria und Christus; es wurden ihnen magische Kräfte zugesprochen. Der goldfarbene Hintergrund der Heiligenbilder symbolisierte das „göttliche“ Licht. Nach der Plünderung Konstantinopels durch die Kreuzfahrer 1204 gelangten zahlreiche Beutestücke in die italienischen Städte, darunter auch Ikonen, deren wundertätige Kraft den Reliquien Konkurrenz machte.

Als Beispiel eines von Byzanz beeinflussten Künstlers ist ein Werk Paolo Veneziano zu sehen. Das kultische Bildverständnis des Ostens verlor beim Transfer in den Westen an Bedeutung. Die bis ins frühe 16. Jahrhundert reichenden Beispiele belegen, wie allmählich malerische Fragen wie Perspektive und Komposition die rein religiöse Funktion der Werke überlagerten. Zum Beispiel Girolamo Gengas „Madonna mit Kind“ (um 1510): Ein Andachtsbild der Mystik wird das Bild einer stillenden Mutter.

Bis 14.4. im Liechtenstein Museum


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