Ausstellung

Exzess trifft Körperstudie

Kritik

Lexikon | Ulrich Tragatschnig | aus FALTER 50/08 vom 10.12.2008

Wenn Heinrich Wölfflin auch in der heutigen Kunstgeschichte noch auf den ersten Blick nachweisbare Spuren hinterlassen hat, dann finden sie sich im Vergleich. Nicht Bild für Bild hat er die Epochen aufgefädelt, sondern wusste, die Werke paarweise zum Sprechen und einander Widersprechen anzuhalten. Woraus er dann auch Bahn brechende Erkenntnisse zum Verhältnis von Barock und Renaissance gewann. Die Methodik, aus dem Nebeneinander zweier künstlerischer Positionen eine Bandbreite an Gestaltungsweisen aufzuspannen, ist somit nicht neu und mag besonders schlüssig sein, wenn die somit abgesteckten Pole nicht gerade blutsverwandte sind, sondern doch ein Stück weit auseinander liegen. Als „Unbekannte Bekannte“ lässt das Kulturzentrum bei den Minoriten nun Friederike Schwab und Michi Maier (beide Graz) aufeinandertreffen und beweist damit selbst für Wölfflin’sche Verhältnisse viel Mut. Denn vorderhand haben sich beide nicht viel zu sagen. Neben Maier, der bestrebt scheint, sein „Selbst“ so direkt wie möglich in Farbmaterie bzw. Bauschaum zu verwandeln, wirken Schwabs Kompositionen notgedrungen blass, auch wenn sie thematisch nach Instinkten und nach Leidenschaften fragen. Maiers wild eruptive, das Bild in bester Asger-Jorn-Manier zum Bersten bringende Kraftakte treffen auf Schwabs um so viel dezenteres Bilden in feinen, nie lauten, wohl austarierten Linien und Farben. Exzess trifft Meditation, Bad Painting auf Körperstudie, ein „Selbst im Kleinkrieg“ auf „Drei Grazien“. Die Liste schroffster Gegensätze ließe sich beliebig lange fortsetzen. Im Grunde aber wären sie längstens bekannt und hinlänglich abgehandelt.

Kulturzentrum bei den Minoriten, Mo–Fr von 10.00 bis 18.00, bis 31. 12.


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