Kritik

„Facing Nations“: große Marketingkunst

Lexikon | Herwig G. Höller | aus FALTER 51/08 vom 17.12.2008

So viel suspekten Superlativ hat eine Ausstellung in Graz schon lange nicht mehr gesehen. Da kommt eigens der Bundespräsident zur Eröffnung, Inserate in profil und News, der ORF Steiermark feuert Breitseiten ab, jubiliert in seiner Presseaussendung: „Ein mehr als 150 Meter langes, monumentales Menschheitspanorama, das weltweit größte seiner Art!“ Und in der Tat beeindruckt die teure Aufmachung des „Monumentalwerks“ in der Halle A der Grazer Messe: Ein Roter-Teppich-Pfad, gesäumt von Artikeln der Menschenrechtserklärung, führt zu großformatigen, nicht sonderlich herausragend in Öl gemalten Porträts, die in einem Kreis von mehr als 20 Meter Durchmesser angebracht sind – insgesamt wurden 124 Grazer unterschiedlicher Herkunft porträtiert. Im Hintergrund säuselt Diavortragsweltmusik, unterbrochen immer wieder mit lieblichen „Facing Nations“-Spruchchören. Und auf zahlreichen Riesenwänden sehen wir einen den Klischees entsprechenden, auch der wallenden Frisur nach zu urteilen, Malerfürsten, der sich angeregt mit seinen Modellen unterhält.

Als Politkunst erscheint das Ganze peinlich-provinziell, es führt in seinem Multikultiwohlfühlpathos kaum zu Diskussionen, die politische Prozesse in Gang setzen könnten. Und die Bewusstmachung von Unterschieden führt nicht automatisch zur Emanzipation, denn Menschen unterschiedlicher Herkunft wurden auch in NS-Nachschlagewerken ausgiebig abgebildet.

Handelt es sich also um ein ironisches Konzeptkunstwerk, das beispielhaft vorführen soll, wie künstlerisch eher Fragwürdiges durch geschicktes Marketing zu kompensieren ist? Dem Vernehmen nach verfügt der als Künstler weitgehend unbekannte Oskar Stocker ja über eine einschlägige Marketingvergangenheit.

Halle A, Messe Graz, bis 21.12.


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