Rezension

Ein Dorf wird Kunstprojekt

Lexikon | Ulrich Tragatschnig | aus FALTER 51/08 vom 17.12.2008

Leitersdorf sollte nicht nur nach seinem amtierenden Bürgermeister, sondern auch nach Barbara Hölbling und Mario Höber eine Straße benennen. Immerhin ist es dem Künstlerduo gelungen, den nicht weiter auffälligen Ort nahe Feldbach sechs Tage lang zu einem begehrten Ausflugsziel zu machen. Mit ihrem regionale-Projekt „hosted“ brachten hoelb/hoeb diesen Sommer etliche Kunstwerke ersten oder zumindest oberen Ranges nach Leitersdorf und 22 seiner Bewohner dazu, die aus den Sammlungen des Unternehmers Hans Schmid und des Londoner Kunstsammlers Nicholas Berwin stammende Flachware bei sich zuhause auszustellen.

Das Ganze verstand sich freilich nicht nur als Ausstellungsprojekt im Sinne Jan Hoets, der mit „Chambres d’Amis“ als Erfinder dieses oft kopierten Formats gelten darf, sondern auch als Performanceraum oder gar Installation, wie der eben erschienene Katalog des Projekts auf 380 reich illustrierten Seiten zeigt. Beim Blättern wird sofort klar, dass es in „hosted“ nicht vorrangig um das Ausstellen irgendwelcher Kunst ging, sondern vielmehr um ein Ausstellen ländlicher Lebensverhältnisse. Auch darum, Leute, die noch nie im Museum waren, in befruchtenden Kontakt mit moderner Kunst zu bringen und die dörflichen Gesprächsthemen für eine Zeitlang Richtung Aktionismus, Expressionismus oder Pop-Art zu verschieben.

Leitersdorf als Ort ethnografischer Feldforschung: „Die Leute sind sich nähergekommen. Die Gemeinschaft ist enger zusammengewachsen“, resümiert ein interviewter Beobachter. Und Edelbert Köb sieht Nachhaltigkeitspotenziale, freut sich über einen Wien-Ausflug und Museumsbesuch der Leitersdorfer Neo-Kunst-Aficionados.

hoelb/hoeb (Hg.): „hosted. Ein Dorf als Performance-Raum – als begehbare Installation“, Bucher, 380 S., € 34,–


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