Haben Sie noch Geschlechtsverkehr?

Feuilleton | aus FALTER 51/08 vom 17.12.2008

In „Love Comes Lately“ spielt Otto Tausig einen alten Juden, der das Schreiben und die Frauen nicht lassen kann

Rezension: Michael Omasta

Otto Tausig klingt mit seinen 86 Jahren immer noch wie ein Bub im Stimmbruch. Für die Rolle des Max Kohn ist der Wiener Schauspieler die Idealbesetzung. Wie auch für dessen literarische Alter Egos, Simon Danziger und Harry Bendiner.

Max kann’s einfach nicht lassen: das Schreiben nicht und die Frauen schon gar nicht. Kaum diktiert der Autor eine Opernkritik ins Telefon, spitzt Reisel, seine leidgeprüfte Gefährtin, die Ohren. Charmante Begleiterin? Ich war doch gar nicht mit!

„Love Comes Lately“ ist der dritte Spielfilm des deutschen Regisseurs Jan Schütte mit Tausig in einer Hauptrolle. Er verwebt Motive und Figuren aus drei Kurzgeschichten von Isaac Bashevis Singer zu einem Plot. Und wechselt umstandslos vom Alltag eines alten jüdischen Schriftstellers aus New York in dessen Tagträume und literarische Fiktionen.

Die bleiben im Grunde immer die gleichen. Simon hat eine Prostataoperation noch vor, Harry die seine bereits hinter sich. Auch ihre Begegnungen mit Frauen verlaufen stets nach demselben Muster: Rachel, Esperanza, Rosalie, Ethel verfallen auf Anhieb dem Charme von Max’ alleinreisenden Helden, aber natürlich ist das Glück nie von Dauer.

Zu schwer wiegt die Vergangenheit. Einmal findet Max seine Fahrkarte nicht, worauf der Schaffner, der aussieht wie sein Urologe Dr. Grosskopf, ihn mit unangenehmen Fragen löchert: Haben Sie noch Geschlechtsverkehr? Max weiß sich dieser Verhörmethoden kaum zu erwehren: „Are you from the Gestapo?“ – Dann, endlich, schrickt er aus seinem Albtraum hoch.

Rund um Tausig lässt Schütte eine Reihe sehr bemerkenswerter Darstellerinnen auftreten. Barbara Hershey, Rhea Perlman, Elizabeth Pena säumen Max’ erotische Reise von New York und Miami nach New Hanover und Springfield. „Love Comes Lately“ beschreibt, nicht zuletzt, eine wunderbare Reise ins kleinstädtische Herz von Amerika.

Ab 19.12. in den Kinos


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