Ins Mark

Der Kommentar zur steirischen Woche

Steiermark | aus FALTER 51/08 vom 17.12.2008

Rumkugeln, freihändig

Kann sein, dass wir damals zu naiv waren. Kann sein, dass wir nach den Stadtwahlen zu vorschnell an eine grundlegende Umwälzung der Umstände glaubten, daran, dass wir nun die Früchte einer „neuen Politik“ mit unseren eigenen Händen und Füßen würden ernten können. Wir haben uns auf unseren Klapprädern schon durch den Stadtpark brausen sehen wie freie Bürger, wir haben uns freihändig durch die Fußgängerzonen radeln sehen, dort, wo sonst nur die Geländewägen der Boutiquenbesitzer ihrer „Ladetätigkeit“ nachgehen dürfen. Wir haben uns beim Gedanken ertappt, dass wir am Grazer Hauptplatz bald wieder alkoholgetränkte Rumkugeln – in Maßen, versteht sich – konsumieren dürfen, obwohl wir sie nicht zu überhöhten Preisen an einem der Designerstandln gekauft haben.

So schnell, das haben wir gelernt, ist Wandel auch unter Schwarz-Grün nicht zu haben: Die ÖVP trägt Bedenken, der Radlervorrang beeinträchtige das Wohlfühlklima der weniger trittsicheren Bewohner. Die ÖVP trägt dieselben Bedenken, wenn es um das Aufheben des Alkoholverbotes am Hauptplatz geht. Wir haben Freiheit gedacht, die Konservativen sagen Sicherheit, sie sagen Verbotsschilder, sie sagen Videoüberwachung.

So spiegelt sich die große Welt auch in unserer kleinen Wohlfühlstadt. Peter Sloterdijk hat das Phänomen sehr schön im letzten Zeit-Magazin erläutert: „Aus Bürgern sind Sicherheitsuntertanen geworden (...) Und es ist erstaunlich, wie wenig das beklagt wird: Die Freiheit ist eindeutig das Opfer dieses Jahrzehnts.“ Dennoch, das muss auch gesagt sein, hat Schwarz-Grün vergangene Woche ein ganz passables Budget für diese Stadt beschlossen.

Thomas Wolkinger leitet die Redaktion des steirischen Falter


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