Hundert Jahre Zeitausgleich

Befindlichkeitskolumne

Steiermark | aus FALTER 51/08 vom 17.12.2008

Dramatiker Johannes Schrettle ist zwar kaum in Graz, dennoch weiß er immer was von dort zu berichten

Dinge, die wir nicht wüssten, würden die Handyverbote eingehalten werden

(neue sozialkritische Texte aus Österreich)

Die Freundin des Fahrers singt Lieder. Leider Weihnachtslieder. Immer wieder singt die Freundin des Fahrers Weihnachtslieder. Jedes Jahr. Der Fahrer ist abgebrannt, ganz abgebrannt. Die Schicht ist immer viel zu lang. Deshalb: Krise. Wie viel Krise? Viel. Die Sackstraße ist eng und voll, ganz nah die Passanten und innen am Ohr die Freundin, die sagt, der Adventkranz! Der Fahrer vergaß den Kranz. Die Freundin: du Arsch! Die Tochter: armer Papa! Samstag ist gratis, sagt der Fahrer und zuckt mit dem Mund. Die Freundin des Fahrers spielt Gitarre und singt, der Fahrer sagt: Ja Schatzi, ja. Adventkranz, ganz klar, nach der Arbeit! Dann acht Stunden fahren. Die Freundin hat Feuer im Arsch, sagt der Fahrer, wir gehen jetzt ins achte Jahr. Tatjana mag Advent. Der Freund des Fahrers (auch Fahrer) sagt: Du bist im Arsch, total verkatert. Der Fahrer sagt Ja. Selten sprechen Kollegen so ehrlich: Die Scheiße war nie so am Dampfen! Viel liegt im Argen im Leben des Fahrers: Die Freundin will Kerzen, die Tochter Geschenke. Ich denke ganz leise: armer Fahrer! Die Straßenbahn geht ihm sehr auf den Sack. Er will ein Bier, am liebsten jetzt gleich. Und dann Wetten dass mit Veronica Ferres. Oder mal kurz zu Tatjana. Der Fahrer verzagt fast. Die Freundin des Fahrers wartet.


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