Zirkus Kritik

Pure Poesie, minus Polyester

Lexikon | Thomas Wolkinger | aus FALTER 52/08 vom 23.12.2008

Der "Cirque Tsigane" von Délia und Alexandre Romanès ist ein Wunder: Zirkus in seiner reinsten Form. Minus schlecht sitzender Polyesterstretchtrikots, minus Löwen mit Haarausfall, minus sauteurer Neonschlangen, die Kinder in kürzester Zeit zu rasenden Bestien machen. Kurz: minus aller Aspekte, die Zirkusmelancholie immer schon ziemlich rasch in Depression haben umschlagen lassen (siehe das Porträt im Hauptblatt).

Der Zirkus Romanès bietet in seinem "Cirque Noël" stattdessen alles auf, was Délia, Alexandre und das insgesamt gut 30-köpfige Ensemble der Extended Family so zu bieten haben. Und das ist eine Menge: Die jüngste Romanès-Tochter Rose etwa, die mit der selbstverständlichen Eleganz einer jungen Frau die 90-minütige Aufführung mit einem Reifentanz eröffnet. Hier, spürt man sofort, geht es um Poesie, die sich aus dem Leben speist. Es gibt wunderbares Seil- und Bänderballett, es gibt clowneske Hut- und Balljonglagen, die viel mit Buster Keaton und gar nichts mit Enrico zu tun haben. Und es gibt schließlich, begleitet von einem Roma-Miniorchester, die Stimme von Délia Romanès, deren Nuancenreichtum locker an den einer Esma Redžepova heranreicht.

Gerahmt werden die Szenen von Tableaux vivants der Familienmitglieder aus drei Generationen, die, wenn sie gerade nicht dran sind, im Bühnenhintergrund so tun, als verbrächten sie einfach Freizeit in ihren Wohnwägen. Echt? Romantisch? Da lässt sich auch gut über Romabilder und -klischees reflektieren. Der Zirkus, der sonst im eigenen Zelt auftritt, schafft es jedenfalls - zumindest in den vorderen Reihen -, sogar die List-Halle in einen intimen Ort zu verwandeln. Nur das (superfeine) Nobeldiner, das man in der Eckstein-Dependance im Foyer zu Pianomusik ordern kann, bricht hart mit der Atmosphäre. Man hätte den Grazern auch das Cola und die Krapfen zumuten können, die Alexandre und Délia ihren Gästen sonst reichen. Trotz Ticketpreisen auf Opernniveau: Hingehen!

Helmut-List-Halle Graz, bis 6.1.2009


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