Gelesen

Kluge Mutmaßungen

Politik | Barbara Tóth | aus FALTER 52/08 vom 23.12.2008

Unter das Motto "Mutmaßungen über Österreich" stellt Paul Lendvai den vierten Band seiner Vierteljahreszeitschrift Europäische Rundschau, der stark unter dem Eindruck der Nationalratswahlen und des Generationswechsels in der österreichischen Innenpolitik steht.

Als Mutmaßer treten österreichische Journalisten jenseits der 50 auf. Trautl Brandstaller fasst das Leben des verstorbenen Kärntner Landeshauptmannes Jörg Haider präzise wie prägnant auf neun Seiten zusammen. "Statt New York also Klagenfurt", beschreibt sie einen Wendepunkt in seinem Leben im Jahr 1979. Damals hätte Haider mit einem Fulbright-Stipendium für die Columbia University in die USA gehen können, entschied sich aber für den Karriereschritt in der Kärntner FPÖ. Ihr Fazit: "Statt einer modernen liberalen Rechten kreierte er nur die folkloristisch kostümierte Neuauflage der alten Rechten. So reduzierte er sich selbst auf einen Provinzpolitiker."

Der Standard-Kolumnist Hans Rauscher versucht, die "Generation Fleischhacker" zu ergründen, also jene sich als "rechtsintellektuell" verstehende Gruppe der unter 40-Jährigen, die, wie der Presse-Chefredakteur Michael Fleischhacker, von der Politik der Zweiten Republik angewidert sind. Als ihr größtes Manko sieht er an, dass sie zwar stark im Kritisieren der herrschenden Zustände seien, aber schwach im Vorschlagen von Alternativen.

Gerfried Sperl, ehemaliger Chefredakteur des Standard, beschreibt die neue große Koalition als "mit neuen Namen dasselbe noch einmal". "Change", das Zauberwort aus der Kampagne Barack Obamas, ortet er nur in der Europapolitik - und dort als gefährliche Drohung. "Wenn Werber Faymann auf Zuruf der Krone zu einem österreichischen Václav Klaus mutiert, käme zum Schaden auch noch der Spott dazu."

Europäische Rundschau 2008/4: Mutmaßungen über Österreich. 160 S., € 8,-


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige