Kritik

Die wilden Siebziger: Wolfi Bauer lebt

Lexikon | Wolfgang Kralicek | aus FALTER 03/09 vom 14.01.2009

Der Dramatiker Wolfram Bersenegger muss ein neues Stück abliefern, leidet aber an Schreibhemmung. Also beschließt er, "aus der Not ein Happening" zu machen und das Leben für sich arbeiten zu lassen. Der Autor mietet zu Silvester eine Suite im Hotel Sacher, lädt eine illustre Gesellschaft ein und nimmt die Party heimlich auf Tonband auf - auf diese Weise soll sich das Stück quasi selbst schreiben. Bersenegger ist ein Alter Ego des Dramatikers Wolfgang Bauer, den ähnliche Probleme gequält haben mögen. 1971, als im Wiener Volkstheater "Silvester oder Das Massaker im Hotel Sacher" uraufgeführt wurde, war Bauer ein Star, und er stand unter Druck. Nach "Magic Afternoon" und "Change" erwartete die Theaterwelt einen neuen Hit. Stattdessen bekam sie einen practical joke geliefert, der längst in Vergessenheit geraten ist.

In der Komödie am Kai, einem abgewohnten Boulevardtheater am Schwedenplatz, holt der Schriftsteller Georg Biron das "Massaker im Hotel Sacher" aus der Versenkung; in seiner Fassung sind auch Gags aus anderen Bauer-Stücken (etwa das legendäre "Freeschach" aus "Gespenster") eingebaut. Das Bühnenbild sieht aus, als wäre es aus der letzten Boulevardkomödie übernommen worden, und obwohl die Schauspieler zum Teil gar nicht schlecht sind, hat Birons Inszenierung einen Touch von Amateurtheater. Trotzdem macht die zynische Satire auf eine ebenso zynische Künstler-Bohème auch 40 Jahre danach erstaunlich viel Spaß. "Alkohol ist nach wie vor die beste Zeitmaschine", heißt es im Stück einmal. Eine Zeitreise ist auch diese kuriose Aufführung - zurück in die wilden 70er.

Komödie am Kai, Fr, Sa, Di, Mi, Do 19.30 (bis 31.1.)


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