Theater Kritik

Frei von der Leber: Hamlet an der Kunstuni

Lexikon | Hermann Götz | aus FALTER 03/09 vom 14.01.2009

Das größte Problem für Stücke wie "Hamlet" wird in Wahrheit jedes Jahr kleiner: Die distinguierten Damen und Herren, die ihren alten Shakespeare inwendig lieben und auswendig können, sie sterben langsam aus. Die Tragödie um den seltsam unentschlossenen Helden aus Dänemark führt immer weniger Ballast mit sich. So haben die Studierenden der Grazer Kunstuniversität unter der Regie von Aleksandar Popovski einen Shakespeare hingelegt, wie er kaum freier und unbefangener sein könnte. Das Pathos tiefsinnig verbrämter Emotionen steht da ungeschminkt neben plappernder Ironie, der Regisseur lässt seiner szenischen Kreativität freien Lauf, der Erzählfaden wird zerrissen, die Chronologie umgestellt. Einmal kippt die Poesie achselzuckend ins Komische, dann machen Schattenspiele und Musik wett, was die Heiner-Müller-Übersetzung an Schmalz vermissen lässt.

Die Darsteller wühlen in Gewandhaufen, Laertes hüllt sich scheinbar sinnlos in zahllose Schichten von Wolle und Fell, Hamlet zieht sich nackt aus. Ver- und Enthüllungen bilden den Bodensatz in einem Versteckspiel von Sein und Schein. Nicht immer stehen die Regieeinfälle so glücklich in Beziehung zueinander und zum Stück. Aber die Buntheit der Inszenierung bietet den jungen Schauspielern genug Gelegenheit zu glänzen. Und die wird - zum Teil eindrucksvoll - wahrgenommen. Sebastian Weiss, der hier nicht zum ersten Mal auffällt, ist ein mitreißender, energievoller Hamlet, Mira Tscherne eine königlich boshafte Gertrud, Stefan Sieh ringt dem König Komik ab, Katharina Wawrik und Katharina Klar rücken Nebenrollen mit Spielwut und Präsenz ins Blickfeld. Ein sehens- und bemerkenswerter Abend.

Theater im Palais, Fr u. Sa 19.30


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