Ein Plädoyer fürs Stuhlrücken

Steiermark | aus FALTER 03/09 vom 14.01.2009

1959 war "Hörspiel" bereits auf einem absteigenden Ast, Friedrich Knillis Hörspiel-Dissertation wollte zunächst niemand abdrucken. Welche Aktualität kann das nun erstmals publizierte Werk ein halbes Jahrhundert später haben? Abgesehen von einer Bedeutung für die steirische Kultur- und Medienhistorie - die Publikation mit Unterstützung der SPÖ-nahen "Steirischen Kulturinitiative" kann als nostalgischer Verweis auf das ehemals äußerst produktive Umfeld in Graz interpretiert werden, auf Zeiten, in denen das ORF Landesstudio als maßgeblicher und über die Landesgrenzen ausstrahlender Kulturproduzent auftrat.

Dennoch, das Hörspiel könnte, so schreibt Heinz Hartwig in seiner Einleitung, seinen zwischenzeitlich unterbrochenen Siegeszug auch jenseits des Öffentlich-Rechtlichen erneut fortsetzen: "Hörbücher" sind inzwischen zu einem relevanten Marktfaktor avanciert, die Lektüre von "Das Hörspiel in der Vorstellung der Hörer" könnte sich also lohnen.

Für seine psychologische Dissertation spielte Knilli Probanden jedenfalls Hörspiele vor und ließ sie nach dem Hörvorgang ihre Vorstellungen beschreiben. Die Ergebnisse, später auch Grundlage für Knillis Streitschrift zum "Totalen Schallspiel", sollten in den Sechzigerjahren zu einem Paradigmenwechsel führen. War man zuvor davon ausgegangen, dass Hörspiel dort beginnt, wo es finster wird, fand Knilli heraus, dass die meisten Vorstellungen seiner Probanden visuell waren. Dass - mit Vorbehalten - Blinde und Sehende Hörspiele auf die gleiche Weise wahrnehmen. Auch eine weitere Erkenntnis provozierte den damals extrem textlastigen Hörspielmainstream: "Abstandsloses" Hören, das Konzentrieren auf den Text, schadet der Fantasie, jedes Stuhlrücken kann hingegen den "Abstand" zum Gehörten vergrößern und ein fantasierendes Hören erzeugen. HH

Friedrich Knilli: "Das Hörspiel in der Vorstellung der Hörer", Verlag Peter Lang, Frankfurt a.M. (2009), 177 S., € 37,80


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